DER FRIEDHOF DER GUTEN VORSÄTZE

Noch ein paar Weihnachtsfeiern, Einkaufsstress, Heiligabend, die Feiertage und dann ist es wieder soweit: überall auf der Welt überlegen wir Menschen uns in der Silvesternacht, wie wir uns selbst und unser Leben voranbringen können und welche guten Vorsätze wir uns für unser neues Lebensjahr setzen sollen. In der Regel bestehen solche Vorsätze darin, etwas Neues zu wagen oder sich eine neue, gute Gewohnheit anzueignen: endlich wieder mit dem Training zu beginnen, ein Buch zu schreiben, sich mit einer neuen Idee selbständig zu machen, eine Paleo-Diät durchzuziehen oder die Buchhaltung dieses Jahr rechtzeitig abzugeben.

Aber meistens verlieren wir schon nach ein paar motivierten Wochen den Elan. Wir mutieren zum passiven Fitnessstudiomitglied, ernähren uns so schlecht wie nie zuvor und beerdigen unseren Vorsatz endlich Spanisch zu lernen auf dem Friedhof der guten Vorsätze, wo schon so viele gute Ideen liegen.

Es ist eigentlich nicht verkehrt, sich solch positive Ziele zu setzen – aber es ist nicht der einzige Weg, sein Leben zu verbessern und persönlich weiterzukommen. Genauso effektiv, wie seinem Leben etwas Neues, Gutes hinzuzufügen, kann es sein, etwas Schlechtes, Hinderliches aufzugeben. Wahrscheinlich führt der Weg zu einem wirklich guten Leben sehr häufig über die „Via Negativa“.

VIA NEGATIVA – DER WEG ZU EINEM BESSEREN LEBEN

Der lateinische Ausdruck Via Negativa bedeutet „Der negative Weg“ und er steht in der, vor allem östlichen, orthodoxen Kirche für den Versuch, das Wesen Gottes dadurch zu beschreiben, was Gott „nicht ist“. Die Gläubigen behaupten, dass es für unsere begrenzten menschlichen Gehirne unmöglich sei, die positiven Eigenschaften Gottes zu ergründen und in Worte zu fassen.

Der Begriff Via Negativa kann auch für die oben beschriebenen Zusammenhänge verwendet werden, wenn jemand versucht, seinem Leben eine positive Wendung zu geben. Anstatt sich auf das zu konzentrieren, was man tun sollte, um voranzukommen, richtet sich der Fokus auf das, was man besser lassen sollte.

SCHLECHTE GEWOHNHEITEN LOSWERDEN

Der libanesische Philosoph Nassim Nicholas Taleb beschreibt in seinem Buch „Antifragil“, dass Menschen am meisten davon profitieren, wenn sie zuerst ihre schlechten Gewohnheiten beseitigen und sich von anderen „Behinderungen“ befreien. Darunter versteht er alle Dinge, Menschen, Verhaltensweisen, Gewohnheiten oder Systeme, die dazu beitragen, dass man selbst unbeständig ist und häufig bei seiner Zielerreichung scheitert. Als Beispiel nennt er Schulden. Schulden sind offensichtlich so lange kein Problem, wie man genügend Geld zum Tilgen hat. Aber sobald man seinen Job verliert, werden diese Schulden zu einem großen Problem – und zwar sehr schnell. Diese „Behinderungen“ können selbst dann zum Handicap werden, wenn alles in Ordnung und man sich selbst sehr treu ist. Geld, das man beispielsweise für die monatliche Miete aufwenden muss, kann nicht mehr für den Start einer Selbständigkeit verwendet oder in eine neue Ausbildung investiert werden. Viele dieser „Behinderungen“ limitieren unsere Optionen im Leben.

WENIGER IST MEHR

So, wie mit dem Geld und den Schulden, ist es mit allen anderen Dingen im Leben. Rauchen ist eine große „Behinderung“ für die Gesundheit. Mit dem Rauchen aufzuhören, würde für die eigene Gesundheit mehr bringen, als mit dem Joggen zu beginnen oder sich vegetarisch zu ernähren. Schlechte zwischenmenschliche Beziehungen verhindern emotionales und psychologisches Wohlbefinden und sind eine riesige „Behinderung“ im Leben. Fragen Sie nur jemanden, wie gut er sich fühlt, wenn er es, nach jahrlanger Qual in einer schlechten Beziehung, geschafft hat, den lästigen Partner abzuschütteln.

Schlechte Gewohnheiten abzulegen ist viel einfacher und ressourcenschonender als sich eine neue, positive Eigenschaft anzutrainieren. Um neue Gewohnheiten im Leben zu etablieren, benötigt man hohe Motivation und sehr viel Willenskraft. Etwas „einfach nicht zu machen“ ist viel einfacher. Für einen übergewichtigen Menschen ist eine Low-Carb-Diät, mit komplizierten Einkaufstipps und Kochrezepten, sicherlich sinnvoll, aber es ist unendlich schwer, sie über längere Zeiträume durchzuhalten. Auf alle zuckerhaltigen Getränke zu verzichten, ist dagegen ein Kinderspiel. Der Verzicht auf Limonaden und Säfte (und am besten auch noch Alkohol) wird sicherlich nicht dazu führen, dass man den Körper eines Hochleistungssportlers bekommt – aber es ist ein Anfang, der einen auf den richtigen Weg bringt.

Die Beseitigung schlechter Gewohnheiten ist laut Taleb nur die eine Seite der Medaille. Die andere besteht darin, sich erst gar keine schlechten Gewohnheiten anzueignen.

VERMEIDE OFFENSICHTLICHE DUMMHEITEN

Da wir eine Schwäche für positive Ratschläge und Interventionen haben, fällt es uns so schwer, uns darauf zu konzentrieren, keine schlechten Gewohnheiten zu entwickeln. Der Grund dafür liegt vielleicht darin, dass wir bemerken, wenn etwas Gutes geschieht oder wir etwas Gutes erreichen, aber überhaupt nicht mitbekommen, wenn etwas Schlechtes nicht passiert ist. Viele Heilpraktiker, Personal Trainer und Ärzte geben ständig positive Ratschläge im Sinne von „Nehmen Sie diese Pille!“, „Essen Sie nur jene Lebensmittel!“, „Trainieren Sie fünfmal pro Woche, dann bekommen Sie Ihr Sixpack!“. Taleb empfiehlt daher, sich vor den Ratgebern zu hüten:

„Scharlatane erkennt man daran, dass sie einem positive Ratschläge geben, einem also sagen, was man zu tun hat. Sie nutzen unsere Gutgläubigkeit aus und unsere einfältige Neigung zu Handlungsanweisungen, die einem im ersten Augenblick absolut einleuchtend vorkommen und dann im Lauf der Zeit einfach verpuffen, weil man sie schlicht vergisst. Denken Sie nur an all die Selbsthilfebücher mit der immer wiederkehrenden Titelfloskel „In zehn Schritten zu… (Reichtum, Gewichtsverlust, Freundschaften, Innovationen, Wahlsiegen, Muskelaufbau, Ehepartnern). Beliebig austauschbar.“

Diese Art zu denken, begegnet uns auch häufig in der Wirtschaft. Unternehmen belohnen ihre Chefs mit großzügigen Boni, wenn es ihnen in guten Zeiten gelingt, den Wert des Unternehmens zu steigern. Die gleichen Unternehmen bezahlen aber keine Boni dafür, wenn es den CEOs gelingt, das Unternehmen so aufzustellen, dass es auch unbeschadet durch Krisenzeiten kommt. Wie auch immer: auf lange Sicht besteht der beste Weg zum Erfolg darin, nicht pleite zu gehen!

Laut Taleb profitieren Profis in der Realität vom „negativen Weg“, da dieser Weg auch von der Evolution begünstigt wird: Schachgroßmeister gewinnen normalerweise, indem sie nicht verlieren; Menschen werden reich, indem sie nicht pleitegehen (besonders dann, wenn andere es tun); Religionen drehen sich hauptsächlich um Verbote; in den Lektionen des Lebens geht es meist darum, was man vermeiden sollte. Erfolgreiche Menschen reduzieren die meisten ihrer persönlichen Risiken, dank einer kleinen Anzahl von Maßnahmen.

Was Taleb uns sagt, muss man erst einmal sacken lassen: Es ist erstaunlich, welch langfristigen Vorteil man erzielt, wenn man konsequent versucht, nicht dumm zu sein, anstatt seine Energie darauf zu verschwenden, wahnsinnig intelligent zu sein. Jeder von uns kennt sehr kluge und talentierte Menschen, deren Leben, trotz ihrer Begabungen, in Trümmern liegt, weil sie immer wieder dumme und vermeidbare Fehler machen. Sie fügen ihrem Leben ständig völlig neue und unnötige „Behinderungen“ hinzu.

Die „Via Negativa“ zu gehen, klingt nach einem langweiligen, defensiven und risikoaversen Leben. Aber wer sich darauf konzentriert, was er besser nicht machen sollte, kann sich voll ins Leben stürzen und die sich ihm bietenden Gelegenheiten nutzen. Jemand der noch nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist, der keine Schulden hat und der nicht in dramatischen und toxischen Beziehungen lebt, hat mehr Geld, Energie und Willenskraft übrig, die er auf die erfolgversprechenden Chancen setzen kann.

WIE IN DER MATHEMATIK, SO AUCH IM LEBEN

Der große deutsche Mathematiker Carl Jacobi hatte eine Maxime, sich schwierigen mathematischen Problemen zu nähern: „Invertieren. Immer invertieren.“ Oft besteht der beste Weg, um Klarheit über ein Problem zu bekommen, darin, das Pferd von hinten aufzuzäumen. Fragen wir uns also dieses Jahr in der Silvesternacht besser nicht „Was soll ich bloß tun, um ein besserer Mensch zu sein?“ Oder „Was für ein Mensch möchte ich sein?“. Drehen wir diese Fragen um und fragen uns: „Was werde ich nicht tun, um ein besserer Mensch zu sein? „und“ Was für ein Mensch will ich nicht sein? “

„Vielleicht werden wir überraschende Einsichten bekommen, wenn wir uns diese Fragen ernsthaft stellen?“

Von Warren Buffet, einer amerikanischen Finanzikone, erzählt man sich folgende Anekdote:
Buffet wollte einen seiner Angestellten voranbringen und so empfahl er ihm, eine Liste der 25 wichtigsten Dinge, die er in den nächsten fünf Jahren erreichen wollte, anzulegen. Als der Angestellte das erledigt hatte, gab ihm Buffet den Rat, die fünf wichtigsten Dinge einzukreisen und auf einer kleineren Liste zu priorisieren. Der Angestellte war zufrieden. Doch dann stellte der Milliardär eine weitere Frage: „Was werden Sie mit den anderen 20 Dingen tun?“. Der Angestellte antwortete: „Nun, die fünf wichtigsten Dinge liegen in meinem Focus, aber die anderen 20 liegen knapp dahinter und ich werde, sobald es mir möglich ist, auch diese angehen!“

Buffet überraschte ihn mit seiner Antwort: „Nein. Sie haben das falsch verstanden. Alles, was Sie nicht eingekreist haben, landete auf Ihrer ‚Um-jeden-Preis-nicht-zu-tun-Liste.’“

Wenn wir also die schlechten Gewohnheiten und „Behinderungen“ aus unserem Leben eliminieren, werden wir höchstwahrscheinlich ein gutes Leben haben. Wenn wir auch noch die ein oder andere angenehme Sache aus unserem Leben eliminieren, um uns auf die wirklich wichtigen zu konzentrieren, wird unser Leben vielleicht sogar florieren.

„Auf ein gutes neues Jahr 2018!“

Euer Dr. Daniel Holzinger.


MEHR INFOS:
www.dr-holzinger.com