Sven Hallwirth – Projekt „HeimatStadtNatur – Heimat & Wertschätzung“, Kunstraum Stuttgart

Sven Hallwirth hat eine Vision. Eine Vision, die von November 2014 bis Juli 2015 in einem der zentralen Orte in Stuttgart, dem Stuttgarter Hauptbahnhof, sicht- und erlebbar war. Die Idee des Kunstprojekts „HeimatStadtNatur – Heimat & Wertschätzung“ ist verblüffend einfach und doch stellt sie einen großen Beitrag zur Verschönerung des urbanen Lebensraums dar. Künstler aus Stuttgart erstellen direkt im Hauptbahnhof Werke für die fest installierten Rahmen mit den Maßen 2m x 3m. Doch das war es noch lange nicht für die Bilder. Nach ihrem Auftritt in der Bahnhofsgalerie sollen sie in der Stadt verteilt werden und auf den Fassaden des öffentlichen Raumes eine neue Ausstellungsfläche finden. Dabei ist der Rahmen nicht nur Schmuck, sondern symbolisiert auch Heimat, ein Domizil für Kunst. So soll eine Brücke zwischen Innen- und Außenraum entstehen, ein Zeitzeugnis und gleichzeitige Quelle der Gegenwart.

Kannst du beschreiben was das Projekt „HeimatStadtNatur – Heimat & Wertschätzung“ ausmacht?

Es ist ein sehr ungewöhnliches und einzigartiges Projekt. Im Hauptbahnhof entstanden in aller Öffentlichkeit Arbeiten von Künstlern aus Stuttgart für Stuttgart. Die Arbeiten beschäftigten sich mit dem öffentlichen Raum und Außenraum und sind für die Orte gedacht, denen eine besondere Wertigkeit innewohnt. In meinem Projekt geht es um Plätze, die eine spezielle Rolle in der Wahrnehmung der Stuttgarter spielen oder Orte denen eine besondere Atmosphäre innewohnt. Vor allem aber jeweils eine besondere Verbindung zum Thema „Heimat & Wertschätzung“ spürbar ist.

Dabei ist das Projekt mehr als eine Ausstellung: analog und lokal, statt digital und überall. Die Rahmen werden direkt im öffentlichen Raum installiert. Die Künstler arbeiten live vor Ort. So entsteht zwischen ihnen und der Öffentlichkeit ein direkter Austausch. Nicht nur die Kunstschaffenden setzen sich auf diese Weise mit den Werken auseinander und sind Teil des Entstehungsprozesses, sondern theoretisch kann jeder teilhaben. Dadurch entstehen in vielfältiger Weise fühlbare Verbindungen. Zum Ort, zum Künstler, zum Entstehungsprozess. Die fertigen Werke finden anschließend einen neuen Platz im öffentlichen Raum oder werden verkauft. Das Besondere des Ortes der Entstehung ist den Werken jedoch immanent und immer für den Betrachter spürbar.

Der besondere Charme des Projekts entsteht durch die Benutzung von außergewöhnlichen und hochwertigen Rahmen. Gerahmte Bilder im Außenbereich zu sehen überrascht. Es regt die Vorstellungskraft der Menschen an und geht sofort in ein schönes Gefühl über. Man denkt automatisch an Wohnräume, wenn man die gerahmten Werke in der Stadt sieht. Und es gibt wohl kaum einen Ort an dem man sich wohler fühlt als in den eigenen vier Wänden. Sobald die Bilder die Menschen aktivieren, habe ich mein Ziel erreicht und das Gefühl von Heimat greifbar gemacht.

Woher kam die Inspiration für dieses Projekt? Bist du selbst Künstler oder Kurator?

Nein, weder noch. Aber mich interessiert Kunst und die besondere Wirkkraft von Kunst. Ich bin Rechtsanwalt. Bis Ende September 2014 habe ich für eine mittelgroße Insolvenzverwaltung gearbeitet. Dann aber brachte mich ein besonderes Erlebnis dazu, noch einmal zu hinterfragen, was ich mit meinen Interessen und Ideen noch so alles bewegen kann. Ich wurde Vater und der „Nestbautrieb“ zeigte mir, dass ich mich nicht mehr mit „sterbenden“ Sachverhalten auseinander setzen sollte. Stattdessen wollte ich Neues und Nachhaltiges erschaffen und dabei proaktiv sein. So kamen erst mal gerahmte Bilder in meinen Hinterhof. Ein paar Wochen später war es dann der Hauptbahnhof. Auch beruflich kam es zu einer Veränderung. Ich bin inzwischen zertifizierter Compliance Officer (Univ.). Das ist der Bereich, in welchem ich künftig arbeiten möchte.

Welche weiteren Projekte planst du gerade?

Derzeit läuft – von der Baden-Württemberg Stiftung und der Stadt Stuttgart gefördertes – Projekt in den Stuttgarter Stadtbezirken, welches ich mit der Stuttgarter Jugendhausgesellschaft gGmbH umsetze. Kinder und Jugendliche schaffen in Ihren Stadtbezirken Ihre persönlichen Werke, welche gerahmt und öffentlich in deren Sozialräumen installiert werden. Damit soll die Identifikation junger Menschen mit sich und Ihrer Umgebung gestärkt werden.

Mit der Stadt Stuttgart besteht ein sehr guter Austausch im Zusammenhang mit einem spannenden Projekt, über welches ich noch nichts verraten möchte. Mir liegt bei meinen Projekten am Herzen, nachhaltig Werte und Kommunikation zu vermitteln und Verbindungen zu erzeugen. Ich hoffe, das gelingt.

Mit der Freien Kunstschule Stuttgart bin ich ebenfalls in sehr gutem Kontakt als institutionellem Kooperationspartner. Ich hoffe, dass sich auf diese Weise auch andere Orte, denen etwas Besonderes anhaftet, erschließen lassen und Kunst dort entstehen und wirken kann.

Welche Schwierigkeiten gibt es im Moment noch bei der Umsetzung?

Geeignete Fassadenflächen gibt es sehr viele. Die Eigentümer zu überzeugen, dass ein toll gerahmtes Bild an einer Gebäudefassade viel wirkungsvoller ist als jede Werbetafel, ist für viele nur sehr schwer vorstellbar. Es fehlen schlicht Erfahrungswerte. Dabei könnten die Eigentümer der Fassaden auf eine schöne Weise dazu beitragen, lokale Kunst und Künstler sichtbar zu machen. Stellen Sie sich es doch einfach mal vor. Es überrascht, regt zum darüber Sprechen und Nachdenken an. Die Wirkung solcher Werke an Gebäuden ist noch schwer vermittelbar, da mein Anliegen oft mit der Wirkung von Werbetafeln in Verbindung gebracht wird, die eher als störend empfunden werden.

Es ist traurig, dass Projekte dieser Art sehr schnell nur als „sozial“ eingestuft werden. Wenn der Mehrwert des Projekts nicht eindeutig einem klar definierten Kreis zugute kommt, sinkt die Förderbereitschaft schnell auf Spendenniveau. Dabei sind es gerade diese Projekte, die nachhaltig wirken und besonders förderwürdig sind. Aber ich bin optimistisch und denke, dass das die Vorbehalte und Bedenken in dem Maß abnehmen, je mehr Menschen das Projekt kennenlernen.


MEHR INFOS:
Facebook
Jugend Kultur Werkstatt auf
www.bwstiftung.de