Spieglein, Spieglein an der Wand…


Die gesunde Kontrolle des Körpergewichts ist ein multifaktorielles Problem. Um sein Körpergewicht zu kontrollieren, also zu halten, abzunehmen – oder ja, manche möchten auch an Gewicht zunehmen – muss man mehr tun, als nur auf seine Ernährung zu achten oder eine Runde um die Bärenseen zu joggen.

Ich habe zwölf Faktoren identifiziert, die das Körpergewicht bedingen. Davon kann man einige beeinflussen und andere muss man, ob es einem gefällt oder nicht, hinnehmen.

Faktoren die das

Körpergewicht beeinflussen

Beispiele
1. Geschlecht weiblich vs. männlich
2. Körpergröße / Konstitution klein und rund vs. groß und schlank
3. Lebensalter jung (<40 Jahre) oder alt (>40 Jahre)
4. Ausgangsgewicht untergewichtig vs. übergewichtig
5. Lebensumstände stabil und sicher vs. instabil und unsicher
6. körperliche Verfassung gesund vs. krank oder trainiert und fit vs. untrainiert und unfit
7. berufliche & finanzielle Lage stabil vs. instabil
8. Bewegung viel vs. wenig
9. Ernährung gesund und ausgewogen vs. ungesund und einseitig
10. Schlafquantität und –qualität ausreichend und gut vs. zu wenig und schlecht
11. geistig-emotionale Verfassung ausgeglichen und ruhig vs. gestresst und ängstlich
12. Durchhalten & Motivation & Compliance diszipliniert und zielgerichtet vs. undiszipliniert und orientierungslos

Welche dieser Faktoren sind durch unser Denken und Verhalten zu beeinflussen?


Geschlecht, Körpergröße/Konstitution und Lebensalter sind unter normalen Umständen und ohne massive chirurgische und hormonelle Eingriffe nicht zu verändern. Das Körpergewicht ist für jemanden persönlich solange „in Ordnung“, bis es ihn oder sie stört. Viele Menschen befinden sich über Wochen, Monate und manchmal sogar Jahre in einer Art tranceartigem Zustand, in dem sie nicht bemerken, dass sie zu- oder abnehmen. Sie bekommen es „irgendwie nicht mit“, dass sie beispielsweise zunehmen bzw. verdrängen diese Tatsache so lange, bis sie eines Tages verzweifelt vor dem Schlafzimmerspiegel „erwachen“ und feststellen, dass sie 20 Kilogramm zugenommen haben. Das Ausgangsgewicht ist bis zu diesem „Erwachen“ also nicht zu beeinflussen. Erst danach beginnt das Dilemma: „Wie soll ich das nur wieder in den Griff bekommen?“

Die Lebensumstände hängen oft vom Zufall und natürlich von den Entscheidungen, die in der Vergangenheit getroffen wurden, ab. Die in diesem Artikel vertretene These lautet: Körpergewichtskontrolle hängt hauptsächlich von der emotionalen Stabilität der betroffenen Person ab. Das bedeutet, dass jemand, bevor er sich erfolgreich an die Reduktion seines Körpergewichts machen kann, dafür sorgen sollte, seine Lebensumstände zu sichern und zu stabilisieren. Unsichere und instabile Lebensumstände führen zu Sorgen, Angst und Grübeleien und verhindern ein konzentriertes und fokussiertes „Dranbleiben“ und Durchhalten. Andere, wichtigere Dinge als eine Diät oder eine Trainingseinheit drängen sich ständig in das Bewusstsein und müssen vom Betroffenen zuerst „abgearbeitet“ bzw. erledigt werden – an ein wochenlanges Durchhalten einer Diät oder eines Sportprogramms ist bei instabilen Lebensumständen also nicht zu denken.

Mit der körperlichen Verfassung der meisten übergewichtigen bzw. untergewichtigen Menschen steht es nicht gerade zum Besten – selbstverständlich trifft dies auch auf viele normalgewichtige zu. Die Fitness (darunter versteht man die Fähigkeit zur Sauerstoffaufnahme) und die Kondition (Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit, Schnelligkeit und Koordination) wurden über Jahre vernachlässigt. Ein zu hoher oder zu niedriger Körperfettanteil führt zu einer Veränderung der hormonellen Stoffwechsellage. In Kombination mit jahrelanger körperlicher Inaktivität führt dies zu einer toxischen Mischung: Muskelschwund und Stimmungsschwankungen. Antriebslosigkeit und Lethargie sind die Folgen und es resultiert das Gefühl, den „riesigen Berg“ der vor einem liegt, niemals überwinden zu können. Um die körperliche Verfassung zu verbessern benötigt man ebenfalls emotionale Stabilität. Innere Ruhe, Geduld und Selbstvertrauen gepaart mit einem lebenslangen Training zur Steigerung (bzw. zum Erhalt) der Fitness und Kondition, sind die Basis für einen robusten und gesunden Körper.

Für viele Menschen ist auch der Arbeitsplatz bzw. die berufliche Situation eine Quelle für Verunsicherung, Stress und Druck. Arbeitslosigkeit, Schichtdienst, Mobbing, Leistungsdruck, Überstunden und schlechte Bezahlung können zu Grübeln, Burnout und Depressionen führen. Eine gesunde Lebensführung, die auch die Kontrolle des Körpergewichts im Blick hat, ist aber nur dann möglich, wenn die eigene Arbeit als zufriedenstellend erlebt und damit genügend Geld verdient wird, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ein ruhiges Zuhause ohne allzu großen Verkehrslärm mit gesunder Luft zum Atmen, Zugang zu Bildung, zu Beratern und zu guten Ärzten, die einem im Problemfall helfen können – all dies bezahlt das Geld, das man durch seine Arbeit verdient – oder eben nicht. Sollte sich eine berufliche und finanzielle Schieflage ergeben, ist ohne emotionale Kontrolle von Angst, Wut, Zorn und Neid kaum eine gesunde Lebensführung möglich.

Bewegung und Ernährung fallen den meisten Menschen spontan und intuitiv ein, wenn es um die Frage der Gewichtskontrolle geht. Mir stellt sich jedoch die Frage, warum so viele Menschen mit ein wenig Bewegung und einer einigermaßen ausgewogenen Ernährung solche Schwierigkeiten haben? Meine einfach Antwort lautet: Entweder wollen sich die Betroffenen nicht bewegen und/oder auf ihre Ernährung achten, oder sie können es nicht. Wenn sie es tatsächlich nicht wollen, dann sollten sie so ehrlich sein und sich dies eingestehen, denn dann wäre das Problem gelöst.
Wenn sie es nicht können, gibt es für dieses „Nicht-Können“ aus meiner Sicht mehrere Ursachen. Zum einen spielen „falsches Wissen“ und „Unwissen“ eine Rolle. Sollte jemand beispielsweise nach der „falschen Methode“ trainieren oder tatsächlich nicht wissen, dass zuviel Fett und Zucker ungesund sind, dann würde nur Bildung und „richtiges Wissen“ aus der Misere helfen. Sollten unsere Nahrungsmittel beispielsweise mit süchtig machenden Zusätzen hergestellt werden, müsste man auch dies wissen und nur dann könnte man, unter großen Anstrengungen, sich eventuell davon befreien – dies soll hier aber nicht das Thema sein. Viel wichtiger scheint mir auch in diesem Fall: Emotionale Kontrolle! Viele Klienten haben mir davon berichtet, dass sie es einfach nicht schaffen, sich aufzuraffen und für sich etwas zu tun. Für sich selbst einkaufen zu gehen und für sich selbst etwas zu kochen wird als zu anstrengend empfunden. Ein wenig Sport vor oder nach der Arbeit wird als unüberwindbares Problem erlebt und nicht wenige haben tatsächlich Angst vor der körperlichen Anstrengung. Die Sehnsucht nach Sofa und Fernsehen besiegt den Wunsch nach einem gesunden Körper, die Hoffnung und die Forderung nach einer leichten und unbeschwerlichen Methode verhindert die Akzeptanz der Beschwerlichkeiten und damit den Start in ein gesünderes, aktiveres Leben.

Der erholsame Nachtschlaf ist für viele Menschen nur noch eine Erinnerung aus längst vergangenen Tagen. Künstliches Licht, Fernsehen und Facebook, Parties und Veranstaltungen, Überstunden, Stress und Grübeleien rauben uns den Schlaf. Wer dauerhaft weniger als sechs Stunden pro Nacht schläft, riskiert die Störung des Gehirnstoffwechsels. Beispielsweise regelt das Hormon Leptin Appetit-, Sättigung- und Hungergefühl. Schon partieller Schlafentzug kann zu einem Absinken des Leptinspiegels im Blut und damit zu einer Störung des Essverhaltens führen (mehr dazu findet ihr beispielsweise auf meiner Website unter: www.dr-holzinger.com/schlafstoerungen.html). In diesem Falle gilt: Wer sein Körpergewicht im Griff haben will, sollte gut schlafen. Wer gut schlafen will, sollte seine emotionale Lage im Griff haben. Die Fähigkeit, einen stressigen Tag abhaken und sich trotz schwieriger Lebensumstände entspannen zu können, ist unabdingbar für eine Kontrolle des Körpergewichts. Das müssen viele betroffene Personen aber erst wieder erlernen.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten: nur wer seine negativen, ungesunden Gefühle, wie Ärger, Wut, Zorn, Hass, Neid, Eifersucht, Schuld, Scham, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Niedergeschlagenheit, Depressionen, Lethargie, Antriebslosigkeit und Angst unter Kontrolle bringt, hat mittel- bis langfristig eine Chance, ein zufriedenes, glückliches und gesundes Leben zu leben. Ein motiviertes und diszipliniertes Durchhalten und Dranbleiben ist ohne innere Stabilität kaum möglich. Dies gilt wahrscheinlich für alle Bereiche des Lebens, egal ob jemand sich über mehrere Monate auf eine Prüfung vorbereitet, eine schwere Krankheit überwindet oder „nur“ ein paar Kilogramm ab- oder zunehmen will.

Euer Dr. Daniel Holzinger


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www.dr-holzinger.com