AUF WELTREISE – UND WAS NUN?!

Habt ihr für 2020 schon Urlaub geplant und wisst momentan nicht, ob man dieses Jahr überhaupt reisen kann? Oder musstet ihr euren Urlaub wegen des Coronavirus schon canceln oder auf unbestimmte Zeit verschieben? 

Die Coronakrise verändert aktuell unser Leben so sehr, wie es bislang noch keiner von uns erleben musste und fordert noch nie dagewesene Einschränkungen, Kompromisse und Planänderungen. Nicht nur hier bei uns im Kessel, sondern weltweit.  Der 34-jährige Stuttgarter Christian Kohler hat sich im Dezember aufgemacht, die Welt zu erkunden. Nach jahrelanger Erfahrung in der Eventbranche hatte er seine persönlichen Ziele aus den Augen verloren und wollte sich mit der neuen Herausforderung die Frage stellen, wer er eigentlich ist und was es für ihn heißt, „glücklich zu sein“. Nach Peru, Bolivien, der Karibik und Ecuador kam Corona – seither befindet er sich mit anderen Gestrandeten im Paradies Tulum auf der mexikanischen Yucatanhalbinsel in Quarantäne. Hier erzählt er uns, wie es ihm ergeht und weshalb er die Entscheidung dort zu bleiben, nicht bereut und an seinem großen Traum festhält.

Ein Gastbeitrag von Christian Kohler

Ich heiße Chris und bin seit 175 Tagen auf Weltreise. „Viva la Mexico“ hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt. Aber der Reihe nach…

Wie viele andere Reisende, wurde auch ich relativ unerwartet vom Ausbruch der Corona-Pandemie getroffen. Anfang März feierte ich mit einem Kumpel, der mich aus Deutschland besuchte, noch ausgelassen und sorgenfrei den Spring Break in Cancun. Die Partystimmung wurde irgendwann überschattet mit Corona-News und durch Anrufe von Familie und Freunden. Ohne die News auf Facebook, Instagram, diversen Nachrichten-Apps und WhatsApp, hätten wir keinen blassen Schimmer davon gehabt, was gerade in Europa und Asien abgeht. Für uns wurde es ein Wettlauf mit der Zeit, da ab diesem Zeitpunkt immer mehr Länder die Grenzen schlossen. Ich war erleichert, als ich meinen Freund am Flughafen abliefern konnte und er sein Rückflugticket in den Händen hielt.  Erst jetzt realisierte ich, was da gerade in der Welt passiert.

Ich selbst entschied mich dazu, in Mexico zu bleiben. Auf Facebook baute ich mir eine kleine Community auf, um die kommenden Wochen nicht ganz alleine zu sein.

„Gestrandet in Mexico“,

nannte ich meine Facebook-Gruppe und tatsächlich meldeten sich schnell zwei andere Reisende, die die gleichen Absichten hatten wie ich: Unseren großen Traum der Weltreise nicht einfach aufzugeben, sondern das Beste aus der Situation zu machen und die positiven Dinge im Moment zu sehen.  Ich organisierte ein Treffen, um zu schauen, ob die Chemie stimmt. Volltreffer! Man kann sagen, wir haben uns gesucht und gefunden. Wir zogen gemeinsam in ein preiswertes Rooftop-Apartment in Tulum und es war von Beginn an, als ob wir uns schon ewig kennen würden! Aufgrund von Corona haben viele Urlauber ihre Unterkünfte storniert, sodass es für uns sehr einfach war vor Ort ein preisgünstiges, und trotzdem sehr hochwertiges Airbnb zu bekommen. In Tulum selbst haben Hotels geschlossen, Strände wurden gesperrt, Restaurants und Cafes haben auf Take-away umgestellt, Einkaufsläden mussten laut Verordnung schließen und es gibt eine Ausgangssperre von 20:00 bis 6:00 Uhr. Die Stadt ist zum Erliegen gekommen. Fährt man durch die Straßen, ist es gespenstisch still, wenn man bedenkt, dass sich Tulum normalerweise noch in der Hauptsaison befindet. Auch Touristenattraktionen, wie Chichen Itza oder die über 400 Cenoten (unterirdische Karsthöhlen) auf der Yucatan Halbinsel wurden für Besucher geschlossen. Geschäfte des öffentlichen Lebens wie Supermärkte und Apotheken haben mit speziellen Verhaltensweisen (1,5m Abstand halten und Maskenpflicht) geöffnet. Anfang April wurde beschlossen, dass nur noch eine Person pro Familie bzw. pro Wohngemeinschaft den Supermarkt betreten darf, was auch prompt mit Sicherheitskräften vor und im Supermarkt kontrolliert wurde.

Durch die vielen Telefonate mit Familie und Freunde, die bereits in Deutschland Ihre Quarantäne erlebten, konnten wir umfangreiche Pläne schmieden, was wir in den kommenden Wochen alles machen, um die Zeit sinnvoll zu nutzen. Wir waren uns einig, dass wir nicht den ganzen Tag in der Sonne liegen möchten, haben Hobbies und Wünsche in einem Brainstorming aufgeschrieben und das Ganze dann in einen Wochenplan übertragen. Dank unserer unterschiedliche Stärken und Fähigkeiten, kann jeder vom anderen etwas lernen. Wichtig ist uns dabei, dass zwischen Spanischunterricht, Kreativworkshops, Fitness und Meditationstraining noch genug Zeit bleibt, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. Gerade ich habe für mich während der letzten Tage das Schreiben und Lesen neu entdeckt und arbeite intensiv an meinem ersten Blog.

Ich mache mir ehrlich gesagt keine Gedanken um das Corona-Virus in Tulum, eher darum, wie sich die Situation vor Ort verändert, wenn die Menschen, die fast alle vom Tourismus leben, kein Geld mehr verdienen und ihre Familien nicht mehr mit Nahrung versorgen können. Die Mexikaner erwirtschaften ihr Geld auf der Straße und wenn dies ausbleibt, könnte die Situation auch für die letzten gestrandeten Touristen gefährlich werden. Fast alle Wohneinheiten, sei es Hotel oder Airbnb, haben sich mit Security aufgerüstet, die nachts Sicherheit gewährleisten soll und um das Thema Plünderungen nicht zur Realität werden zu lassen. Auch das Militär ist immer präsenter in den Straßen unterwegs und über Lautsprecher wird den Menschen geraten, in den Häusern zu bleiben. Trotz der angespannten Lage herrscht ein sehr freundliches Verhalten zwischen den Menschen und der Polizei, da alle das gleiche Ziel verfolgen, nämlich die Pandemie so schnell wie möglich hinter sich zu lassen und so gut es geht zur Normalität zurückzukehren.

Ich versuche aus meiner Situation das Beste daraus zu machen: Dinge, die ich in den letzten Monaten vernachlässigt habe, rücken wieder in meinen Fokus. So habe ich zum Beispiel Zeit, über mich und mein Konsumverhalten in den letzten Jahren nachzudenken. Es sind kleine Dinge, die wir wieder schätzen lernen in unserem Leben und ich bin gespannt auf die Veränderungen, die diese außergewöhnliche Zeit mit sich bringen wird. Ich habe damit angefangen, mich vor Ort sozial zu engagieren, um einen kleinen Teil zurückzugeben, was mir die Mexikaner in den letzten Wochen an Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft entgegengebracht haben. Und zwar möchte ich den Menschen helfen, die es während dieser Zeit besonders hart getroffen hat. Deshalb koche ich mit einem Team von 15 Leuten für mexikanische Familien, die sich sonst nicht über Wasser halten könnten, da sie momentan kein Einkommen beziehen. Durch örtliche Spenden von Supermärkten, Hotels aber auch Privatpersonen, kann dieses Projekt umgesetzt werden. Ich arbeite gemeinsam mit einem bunten Haufen an Leuten: Gestrandete Touristen, Wirtschaftsflüchtlinge oder auch einfach nur hilfsbereite Mexikaner, die dieses Projekt trotz eigener Probleme ehrenamtlich unterstützen. Jede Woche gibt es unterschiedliche Gerichte: Einen Salat, einen vegetarischen Hauptgang und ein Getränk. Alle Speisen und Getränke werden vor Ort produziert und im Nachgang an Ausgabenstellen geliefert, wo sich diese die Familien mit Angaben Ihrer Adresse und der Familiengröße abholen können. Derzeit sind es fast 80 Familien, die täglich dieses Angebot vor Ort nutzen.

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Es ist ein unglaubliches Gefühl von Dankbarkeit, das einen überkommt, wenn man in ihre Augen sieht und all unsere Sorgen und Probleme, die wir jeden Tag vor uns herschieben, sind plötzlich so klein.

Durch meine neue Nebenbeschäftigung habe ich die Liebe zum Kochen wiedergefunden, die ich in meinem sehr stressigen Job als Eventmanager in den letzten Jahren fast verloren hatte. Wir kaufen fast täglich, mit Mundschutz versteht sich, bei Straßenhändlern Obst und Gemüse ein und unterstützen gleichzeitig die Menschen vor Ort. Die Qualität ist um einiges besser als in großen Supermärkten, man hat direkten Kontakt mit den Einheimischen und preiswerter ist es allemal. 

Meine Weltreise möchte ich fortsetzen sobald das wieder möglich ist. Momentan fühle ich mich seit nun fast drei Monaten schon fast wie ein halber Mexikaner. Ich werde die nächsten Wochen hier noch intensiv nutzen, um die ein oder andere Cenote und Ausgrabungsstätte der Maya zu besichtigen, bis es dann Ende Juni weitergeht nach Costa Rica. Ich habe vor Kurzem meinen Flug gebucht, in der Hoffnung, dass dieser auch wirklich durchgeführt wird. Und ich bin bereits in regem Austausch mit dem Surfcamp, in dem ich die Zeit nach Mexico verbringen möchte. Der Abschied aus Mexico nähert sich also und ich ziehe für mich ein erstes Fazit aus den vergangenen Wochen in Corona-Quarantäne: 

Ich denke, es gibt derzeit schlechtere Orte auf der Welt, um eine Ausgangssperre zu meistern. Es liegt immer an jedem selbst, was man daraus macht und ich bin einfach nur dankbar dafür, welche Menschen ich in den letzten Wochen kennenlernen durfte und freue mich auf diejenigen, die ich während meiner Reise noch kennenlernen werde.  

“In a world where you can be everything, be kind.”

WIE ES MIT CHRIS WELTREISE WEITERGEHT, SEHT IHR HIER: www.instagram.com/cktravelholic