BLACK LIVES MATTER: WARUM WIR JETZT NICHT WEGSCHAUEN DÜRFEN

Um sich für #BlackLivesMatter stark zu machen, reicht es nicht aus, selbst nicht rassistisch zu sein.

Uns ist klar geworden: Wir müssen Haltung zeigen und einen Beitrag leisten, obwohl wir uns eigentlich nicht zu politischen Themen äußern. Laut werden gegen Rassismus ist notwendig, vor allem dann, wenn man eine Plattform hat – wie wir bei Geheimtipp Stuttgart. 

Gut einen Monat sind die Ereignisse von Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota nun her. Gut einen Monat ist es her, dass George Floyd sein Leben verlor, als Folge einer gewaltsamen Festnahme von rassistisch motivierten Polizisten. Was bleibt sind Trauer, Schmerz und Fassungslosigkeit über die Tatsache, dass der Tod von George Floyd kein Einzelfall ist und BIPoC (Black, Indigenous and People of Colour) auf der ganzen Welt mit physischer und psychischer Gewalt konfrontiert werden. 

Spätestens nach den jüngsten Anschlägen in Halle und Hanau, den gewaltsamen NSU-Morden und einer Reihe von brennenden Asylbewerberheimen ist unbestreitbar, dass auch Deutschland ein Problem mit strukturellem Rassismus hat, dessen Ausmaße viele Menschen nicht erwartet hätten. Zumindest diejenigen, die nicht täglich mit Alltagsrassismus konfrontiert werden, die nicht regelmäßig für eine Straftat beschuldigt werden, die sie nicht begangen haben, und nicht immer wieder aufgrund ihrer Hautfarbe gedemütigt werden. 

Rassismus ist hier und jetzt

Ja, einige Menschen würden gerne glauben, dass Rassismus keine so große Sache mehr ist wie noch vor ein paar Jahrzehnten. Das zeigte uns auch die Nachricht einer Leserin, die als Reaktion auf unsere Teilnahme an der Silent Demo bei Facebook ungläubig schrieb: „Warum Stuttgart? Ihr solltet in die Staaten reisen“. Anstatt die aktuelle Debatte um Polizeigewalt als amerikanisches Problem abzustempeln, müssen wir die Augen aufmachen: Rassismus ist überall – auch in Stuttgart, einer so vielfältigen und farbenfrohen Stadt ist die Konfrontation mit Hass eben kein neues Phänomen, sondern etwas, das zeitlebens da war und in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus durch die AfD immer salonfähiger wird. Obwohl in unserem Kessel mehr als 190 Nationen zusammenleben, der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund bei rund 44 Prozent liegt und das städtische Modell zur Integration so fortschrittlich ist, dass sogar die New York Times darüber berichtet hat, gehört Rassismus für viele Menschen zum Alltag. 

Der Grund dafür sind eben jene Strukturen, die seit der Kolonialzeit tief in unserer Gesellschaft verankert sind, teilweise unreflektiert weitergeben werden und meist sehr subtil zum Ausdruck kommen. Um die rassistische Denkweise zu unterstützen, müssen keine Asylbewerberunterkünfte brennen. Rassismus trifft bereits dort auf einen Nährboden, wo weiße Menschen, wenn auch unterbewusst, einen Unterschied machen und sich BIPoC überlegen fühlen. Dieses Phänomen, das grundsätzlich als „White Supremacy“ bezeichnet wird, wird von dem Stuttgarter Comedian Teddy Teclebrhan in seiner Rolle als Ernst Riedler sehr humorvoll kritisiert. Dabei kennt jeder von uns einen so kleinkarierten Urdeutschen, der in seiner Weinstube über „Batschaken“ herzieht und sich Klischees oder Stereotypen zu eigen macht, um Hass in der Gesellschaft zu schüren.

Warum Schwarz-Weiß-Denken?

“Stuttgart ist bunt!”

Genau das ist der Punkt, wo wir in Zukunft aktiv werden müssen: Es reicht nicht aus, die rassistische Aussage oder Handlung unseres Gegenübers zu ignorieren oder stumm zu verurteilen. Nur weil wir selbst kein Problem mit Rassismus haben, uns vielleicht sogar für weltoffen und tolerant halten, heißt das noch lange nicht, dass wir uns bei diesem Thema einfach raushalten können. Dabei müssen auch wir uns an die eigene Nase fassen, viel zu lange haben wir uns bei Geheimtipp Stuttgart nicht über Rassismus geäußert. Das wollen wir jetzt ändern, indem wir sichtbar machen, dass Rassismus noch immer in allen möglichen Bereichen wirkt und BIPoC unterrepräsentiert sind – auch in unserem Magazin Geheimtipp Stuttgart. Wir sind gegen Diskriminierung jeglicher Art: Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit, Sexismus, Homophobie und andere Formen der Menschenfeindlichkeit.

Gemeinsam die Stimme erheben

Rassismus trifft nicht alle Menschen in Stuttgart, die Verantwortung, ihn zu benennen, dagegen aufzustehen und sich mit BIPoC zu solidarisieren, allerdings schon. Gerade weil wir nicht davon betroffen sind, müssen wir laut werden und Haltung zeigen. Dazu gehört auch, Rassismus in vermeintlich banalen Alltagssituationen zu erkennen und zu bekämpfen. Wir müssen verstehen, dass die Frage nach der eigentlichen Herkunft eines Menschen mit Migrationshintergrund genauso mit „Stuttgart“ beantworten werden kann. Nur weil ein Mensch anders aussieht oder anders spricht, heißt das nicht, dass wir das Recht haben, mehr über seine Wurzeln zu erfahren. Diese Frage hat nichts mit freundlicher Neugier oder einem ausgeprägten Interesse für andere Menschen zu tun, sondern fördert das Bestehen von rassistischen Strukturen in unserer Gesellschaft – und geht uns nichts an.

Damit die Protestbewegung #BlackLivesMatter auch auf lange Sicht gehört und gesehen wird, müssen wir uns auf die Seite derer stellen, die jeden Tag mit den Konsequenzen von Rassismus leben müssen. Es ist die Verantwortung von uns weißen Menschen, jetzt auf die Straße zu gehen, auch wenn es Zuhause viel bequemer sein mag, und unsere Plattformen zu nutzen, um auch andere Menschen dafür zu sensibilisieren. Aktivismus gegen Rassismus ist keine schwarze Kachel im Instagram-Feed, kein Facebook-Filter und auch keine tiefsinnige Caption. Das fühlt sich vielleicht auch gut an, doch es ist nicht genug, im virtuellen Leben zu protestieren, nur weil es gerade in ist.

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Von diesen Stuttgarter*innen können wir noch viel über Rassismus lernen

Gegen die Ungerechtigkeit gegenüber BIPoC vorzugehen ist eine Pflicht für jeden Einzelnen und findet außerhalb unserer Komfortzone statt. Konkret heißt das: Wir müssen uns aktiv weiterbilden – zum Beispiel mit Podcasts, Filmen und Büchern von BIPoC –  an Demonstrationen teilnehmen (bitte mit ausreichendem Abstand und Mund-Nasen-Maske!), Petitionen unterschreiben, Geld spenden und unser eigenes Verhalten hinterfragen. Wir können unser „White Privilege“ nur nutzen, wenn wir Bescheid wissen und uns besser informieren. Dazu gehört auch anderen zuzuhören, vor allem denjenigen, die Rassismus erleben und sich intensiv damit auseinandersetzen. 

Deshalb haben wir mit inspirierenden Menschen aus Stuttgart gesprochen, von denen wir alle noch etwas lernen können – wie sich Alltagsrassismus anfühlt und was wir alle tun können, um uns gegen Rassismus stark zu machen!

Fotos: Dominic Pencz

S T A T E M E N T S

„Niemand wird als Rassist geboren. Es liegt an jedem selbst, diesen inneren Hass zu überwältigen und zu realisieren, dass alle Menschen gleich sind. Vor allem für die nächsten Generationen sollte man zeigen, wie wichtig es ist, einander zu verstehen und Nächstenliebe zu leben. Jetzt gerade brauchen wir mehr Zusammenhalt, als je zuvor. Es gibt keinen Platz für Rassismus, keinen Platz für Ungerechtigkeiten und keinen Platz für Hass. Was uns unterscheidet soll uns vereinen.“

Toni Dreher-Adenuga (20) 
Instagram

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Die 20-jährige Toni ist in Stuttgart aufgewachsen und hat kürzlich eine emotionale Rede auf einer BLM-Demo in Mannheim gehalten. 2018 hat sie die 13. Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ gewonnen, engagiert sich seitdem in ihrer Kirchengemeinde und ist Poetry-Slammerin.

„Einige Menschen scheinen noch immer den Hass und die Ausgrenzung zu wählen, um sich selbst eine Identität geben zu können. Wie bedauerlich. Sie sollten erkennen, dass wir eine große globale Familie sind. Ja, Familie heißt auch Verantwortung, aber die haben wir nun mal füreinander, für die Welt, in der wir leben, für die Natur, die wir nutzen. Wir müssen einander friedlich und in Liebe begegnen, denn WIR SIND EINE WELT!“

Fola Dada (42)

Die Sängerin bietet in mit dem Stimmwerk in Stuttgart eine einzigartige Anlaufstelle für Sänger, Sprecher und stimminteressierte Menschen an: www.stimmwerkstuttgart.de & www.fola-dada.de
Foto: Annette Cardinale

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„Leider habe ich gerade in Stuttgart sehr viel unterschwelligen Rassismus erfahren und erschreckenderweise meistens von besonders wohlhabenden Leuten. Diese veralteten Denkstrukturen müssen aufgebrochen werden und deshalb wünsche ich mir, dass gerade in meiner Geburtsstadt Stuttgart die Leute laut bleiben und für die nächsten Generationen gegen Rassismus kämpfen.”

Aurel Mertz (31)

Der geborene Stuttgarter ist Stand-Up-Comedian und Moderator. Seine aktuelle Show MILLENNIALS könnt ihr am 17.09.2020 im Theaterhaus besuchen. Mehr Infos: www.aurelmertz.de
Foto: Max Motel

„Positivität und Optimismus als Grundsatz für ein soziales, gleichbehandelndes Miteinander in unserer Gesellschaft – das sind meine Grundsätze. Natürlich weiß ich, dass das nicht der Grundsatz aller Menschen ist. Dessen bin ich mir leider, auch aufgrund meiner Hautfarbe, seit meiner Kindheit bewusst. Rassistische Ausdrücke wie auch unangemessenes, diskriminierendes Verhalten, ob von der Polizei oder von Mitmenschen in ganz Europa haben mich diese “Ungleichheiten” und Ungerechtigkeiten spüren lassen und mich geprägt. Jedoch verändert das nicht den Kern meines Seins und Handelns. WIR ZUSAMMEN, auf dem Weg in eine bessere Zukunft für uns und unsere Nachkommen!

Nosa Moses (24) 

Der selbständige Modedesigner und Innenarchitekt ist in Stuttgart aufgewachsen und lebt auch hier. Mehr Infos: www.anomos-fashion.de,  www.instagram.com/nosa_moses

„Ich möchte mit wasihrnichtseht einen Ort schaffen, an dem sich Menschen zum einen mit ihren rassistischen Erlebnissen nicht alleine fühlen. Zum anderen sollen alle verstehen, dass es diese Erlebnisse gibt. Vielleicht können wir alle zusammen den Menschen die Realität des täglichen Rassismus vor Augen halten, damit sie bewusster durch die Welt gehen. Damit sie sich selbst hinterfragen und ihre Umwelt aufmerksamer betrachten, ihre Kinder antirassistisch erziehen und wir somit alle gemeinsam eine bessere Zukunft bauen. Denn es reicht nicht zu sagen, dass man kein Rassist ist. Wir müssen zu Antirassisten werden. Man muss den Mund auch bei scheinbar harmlosen Sprüchen aufmachen und dazwischengehen.“

Dominik Lucha (29) 

Dominik macht Alltagsrassismus in Deutschland auf seinem Instagramprofil sichtbar.
Mehr Infos: www.instagram.com/wasihrnichtseht
Foto: Divimove GmbH

Mehr Informationen zum Thema Rassismus findet ihr u.a. hier:
Facebook: stuttgartgegenrechts
Instagram: silent_demo_stuttgart_
www.aufstehen-gegen-rassismus.de