In unserer Rubrik „Blickwinkel“ kommen Stuttgarter*innen aus unterschiedlichsten Bereichen – Politik, Kultur, Wirtschaft oder Bildung – zu Wort. Wir möchten zeigen, wie vielfältig, inspirierend und manchmal auch herausfordernd das Leben in Stuttgart sein kann. Dieses Mal haben wir mit Dr. Alexandra Sußmann gesprochen.
Wenn man eine Person nennen soll, die so richtig 0711 ist, dann wohl unsere Bürgermeistern für Soziales Dr. Alexandra Sußmann. Seit 2019 ist sie in dieser Position und leitet das Referat für Gesundheit, Soziales und Integration. Wahrscheinlich kennt kaum eine Person Stuttgart aus so vielen unterschiedlichen Perspektiven. Täglich setzt sie sich mit den Themen des Zusammenlebens in der Stadt auseinander. Sie engagiert sich für soziale Gerechtigkeit und ein Zusammenleben in der Stadt, das die Bedürfnisse aller Gruppen achtet. Trotz ihres eng getakteten Terminkalenders hat sie sich die Zeit genommen, um uns im Interview zu erzählen, wo sie selbst zur Ruhe kommt und welche Geheimtipps sie hat, um die soziale Seele Stuttgarts zu entdecken.
Wie kam es dazu, dass Sie die Stadt Stuttgart heute aus der Perspektive einer Bürgermeisterin mitgestalten?
Ich kann einen Beitrag leisten, um den Alltag vieler Menschen zu verbessern. Das ist die Idee der Teilhabe: Menschen erhalten Unterstützung, die Sie brauchen und Sichtbarkeit, die ihnen bislang verwehrt blieb. Wer wachen Auges durch Stuttgart läuft, erlebt, wo Dinge gut laufen und wo es hakt. Der Wunsch, Verantwortung zu übernehmen, ist über die Jahre gewachsen und hat mich schließlich in dieses Amt geführt.
Welchen Blickwinkel auf die Stadt Stuttgart nimmt die breite Öffentlichkeit Ihrer Meinung nach viel zu selten ein?
Viel zu selten sprechen wir über die verborgenen Potenziale unserer Stadt: über engagierte Nachbarschaften, kreative Initiativen und Menschen, die täglich Großes leisten. Stuttgart ist mehr als VfB, Mercedes und Porsche – die Stadt steckt voller Chancen, die wir stärker sichtbar machen wollen.
Bürgermeisterin für Soziales zu sein, bedeutet oft, dort hinzuschauen, wo es wehtut. Was gibt Ihnen persönlich die Kraft, auch bei schwierigen sozialen Themen lösungsorientiert zu bleiben?
Mich motiviert der direkte Kontakt mit den Menschen. Wenn ich sehe, dass Kleines Großes bewirken kann, wenn ich sehe, was die engagierten Mitarbeitenden der Sozialverwaltung Tag für Tag für diese Stadt leisten, gibt mir das das Kraft. Für mich bedeutet Führen auch Dienen. Sprich, ich möchte, dass mein Team andere Menschen dabei unterstützt, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.
Wo in Stuttgart atmen Sie im Frühling am liebsten tief durch, um den Kopf für politische Entscheidungen frei zu bekommen?
Es gibt in Stuttgart viele Orte, an denen Lebensqualität greifbar ist. Gerade im Frühling lassen mich Spaziergänge in den Parks und den Wäldern aufatmen. Ich liebe es auch, mit meinem E-Bike schnell in der Stadt unterwegs zu sein. Am besten frei bekomme ich den Kopf aber im kühlen Wasser des Leuze Mineralbads.
Die Stäffele sind typisch für Stuttgart: Welchen politischen Aufstieg haben Sie als besonders mühsam, aber lohnenswert in Erinnerung?
Politik verläuft selten geradlinig. Besonders mühsam sind Prozesse, bei denen unterschiedliche Interessen zusammengebracht werden mussten. Wenn am Ende tragfähige Lösungen stehen, weiß ich, warum sich der Weg gelohnt hat.
Wie motivieren wir eine junge, digitale Generation, sich wieder verstärkt auch „analog” für das Miteinander vor Ort zu engagieren?
Wir müssen Beteiligung zeitgemäß denken: flexible Projektstrukturen statt lebenslanger Vereinsbindung, klare Ziele und sichtbare Wirkung. Junge Menschen wollen mitgestalten, wenn sie merken, dass ihr Engagement ernst genommen wird und etwas bewirkt – online wie offline.
Wo ist Stuttgart im sozialen Bereich deutschlandweit eigentlich heimlicher Champion?
Stuttgart ist besonders stark darin, unterschiedliche Akteure zu vernetzen – Verwaltung, freie Träger, Ehrenamt und Zivilgesellschaft und viele Stiftungen. Diese Zusammenarbeit im Hintergrund sorgt oft für Lösungen, die bundesweit Vorbildcharakter haben.
Soziales, Gesundheit, Integration – welches dieser Worte braucht dieses Jahr eine völlig neue Definition?
Integration. Sie ist keine Einbahnstraße, sondern ein gemeinsamer Prozess.Integration heißt heute vor allem: Teilhabe ermöglichen und Vielfalt als Stärke begreifen.
Wenn Integration ein Puzzle wäre: Welches Teil fehlt uns aktuell am dringendsten?
Das verbindende Element zwischen den einzelnen Teilen. Begegnungsräume, in denen Menschen unabhängig von Herkunft oder Lebenslage ganz selbstverständlich miteinander in Kontakt kommen, sind entscheidend. Daher setze ich mich trotz schwieriger Haushaltslage nach wie vor für eine Haus der Kulturen, gern verbunden mit einem Haus des Ehrenamts ein.
Was bedeutet Freiheit ganz konkret für jemanden, der auf soziale Unterstützung angewiesen ist?
Freiheit heißt in diesem Fall, echte Wahlmöglichkeiten zu haben: selbstbestimmt entscheiden zu können, wie man lebt, wohnt oder arbeitet. Unterstützung soll befähigen.
Was antworten Sie Menschen, die das Gefühl haben, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt brüchig wird?
Ich nehme diese Sorgen sehr ernst. Gleichzeitig sehe ich jeden Tag viele Beispiele für Solidarität und gegenseitige Unterstützung. Zusammenhalt ist nichts abstraktes, sondern greifbar und sichtbar, und zwar dort wo Menschen füreinander einstehen. Genau das macht mir Mut.
Wenn Sie das Land Baden-Württemberg für die kommende Generation gestalten: Was ist das Fundament, auf dem wir bauen?
Das Fundament, auf das Gesellschaft aufbaut, ist das gleiche – überall, wo Menschen zusammen kommen: Die Qualität sozialer Beziehungen ist ein zentraler Faktor für Gesundheit und Lebensqualität. Verlässliche, wertschätzende Beziehungen wirken nachweislich gesundheitsfördernd: Sie stärken psychische Stabilität, fördern Resilienz und können Krankheit vorbeugen. Gleichzeitig zeigt die Forschung, wie wichtig es ist, soziale Kontexte so zu gestalten, dass sie Menschen stärken statt belasten.
Welches Buch oder welcher Film hat Ihren Blick auf soziale Gerechtigkeit nachhaltig verändert?
Meine sechsjährige Erfahrung als Richterin am Sozialgericht Stuttgart hat meinen Blick darauf nachhaltig verändert. Die Realität schreibt die schönsten und traurigsten Geschichten.
Was ist Ihr absoluter Geheimtipp für jemanden, der die „echte” soziale Seele von Stuttgart kennenlernen will?
Mein Tipp ist: dorthin gehen, wo Menschen sich begegnen – in Nachbarschaftstreffs, Stadtteilzentren oder bei kleinen lokalen Initiativen. Dort zeigt sich die soziale Seele von Stuttgart: im Engagement, im Miteinander und in den vielen stillen Geschichten, die sonst kaum jemand wahrnimmt. Auch die Wochen der Vesperkirche bringen viele gutes Engagement von Ehrenamtlichen zum Vorschein.


