NEUE PERPEKTIVEN AUF STUTTGART
In unserer Rubrik „Blickwinkel“ kommen Stuttgarter*innen aus unterschiedlichsten Bereichen – Politik, Kultur, Wirtschaft oder Bildung – zu Wort. Wir möchten zeigen, wie vielfältig, inspirierend und manchmal auch herausfordernd das Leben in Stuttgart sein kann. Dieses Mal haben wir mit Duc-Thi Bui gesprochen.
Duc-Thi Bui gehört zu den prägenden Stimmen von Filmschaffenden und Kulturakteur*innen in Baden-Württemberg. Sein Ziel: Geschichten sichtbar zu machen, die lange wenig Raum in der deutschen Medien- und Kulturlandschaft hatten. Aufgewachsen an der deutschen Nordseeküste als Sohn vietnamesischer Eltern, die nach Deutschland geflüchtet sind, entwickelte er früh ein Interesse für gesellschaftliche Fragen, Identität und die Kraft des Erzählens. Nach seinem Architekturstudium in Stuttgart wandte er sich dem Film zu und etablierte sich als Drehbuchautor und Regisseur.
Für seine Arbeiten wurde er im vergangenen Jahr mit gleich zwei der hochkarätigsten deutschen Drehbuchauszeichnungen geehrt und ist spätestens seitdem ein Wahl-Stuttgarter, auf den wir richtig stolz sein können.

@Berlinale 2026
„Stuttgart ist unterschätzt“. Ein Zitat von dir. Jemand der in so vielen Städten gewohnt hat wie du, muss es ja wissen. Was genau an unserer Stadt ist denn so unterschätzt?
Was unterschätzt wird, ist vor allem die Vielfalt und die vielen Möglichkeiten, die es hier gibt. Ich glaube der Ruf unserer Stadt bildet das noch nicht ab.
Das erste Mal in Stuttgart gewohnt hast du, als du Architektur an der Stuttgarter Universität studiert hast. Würdest du inzwischen sagen Stuttgart ist deine Heimat?
Ich würde sagen, für mich gibt es mehr als nur eine Heimat. Stuttgart ist davon auf jeden Fall eine sehr wichtige – immer verbunden mit meiner Familie und den anderen Menschen aus meinem Umfeld, die hier für mich wichtig sind.
Welcher Ort in Stuttgart inspiriert dich besonders?
Die Stadtbibliothek. Früher gab es zu Hause wenig Ressourcen – keine vielen Bücher und auch kein Internet wie heute. Deshalb war die Stadtbibliothek schon immer ein extrem freier Ort, weil ich dort Zugang zu allem hatte, ohne Barrieren oder Kosten – einfach reingehen, stöbern, ausleihen. Heute gehe ich mit meinen Kindern hin und versuche ihnen genau das weiterzugeben.
Wo denkst du besonders gerne über neue Drehbuchideen nach?
Wir wohnen im Westen, in der Nähe vom Hölderlinplatz, Richtung Killesberg bzw. Kräherwald. Ich gehe dort gerne spazieren, wenn ich Zeit habe und höre dabei Musik oder einen Podcast oder gutes Hörbuch. Das sind die Momente, in denen mir neue Ideen kommen.

Deutscher Drehbuchpreis 2025
In vielen deiner Geschichten spielt die vietnamesische Kultur eine Rolle. War das schon immer so?
Nein, früher dachte ich immer, ich müsste die gleichen Geschichten schreiben, wie alle anderen. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass meine Erfahrungen eigentlich eine Stärke – fast eine Superpower sind. Vor allem meine Migrationsbiografie hat mich geprägt. Meine Eltern mussten sich vieles erkämpfen, ich mir auch. Das formt einen.
Gibt es für dich einen Ort in der Stadt, an dem du dich mit deiner vietnamesischen Herkunft verbunden fühlst?
Noch nicht wirklich. Diese Räume, in denen ich mich wirklich angekommen und gesehen fühle, habe ich bisher hier in Stuttgart noch nicht wahrhaftig gefunden. Genau deshalb habe ich gemeinsam mit der Künstlerin Mayha Suaysom vor zwei Jahren das „Zebras Collective“ gegründet. Das ist ein Community-Raum für Menschen mit südostasiatischen Wurzeln. Diese Perspektiven sind in Stuttgart leider noch sehr unterrepräsentiert und das wollen wir ändern. Mittlerweile ist unser Kollektiv schon von zwei auf acht Personen gewachsen. Und alle kommen aus unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern.
Was fehlt der Stadt aus deiner Sicht, damit gerade solche Perspektiven sichtbarer werden?
Diverse, kulturelle Räume, also Theaterbühnen, Musikbühnen oder Kinoleinwände sind entscheidend, weil dort Sichtbarkeit entsteht. Gleichzeitig sind solche Bühnen knapp und umkämpft, gerade unter den aktuellen Förderbedingungen im Kulturbereich. Deshalb braucht es strukturelle Lösungen. Wenn die Bevölkerung vielfältiger wird, der Zugang zu diesen Räumen aber gleichbleibt oder sogar schrumpft, entsteht ein Ungleichgewicht – das ist letztlich auch eine politische Frage.
Ein gutes Beispiel für einen Ort ist, der verschiedene Perspektiven auf die Bühne bringt ist…
Das Kulturzentrum Merlin! Für mich hat Freiheit viel mit offenen und zugänglichen Räumen zu tun, in denen alles möglich ist – und mit der Offenheit und Haltung der Menschen, die dort zusammenkommen. Im Merlin ist das auf jeden Fall gegeben.
Wie sieht für dich ein perfekter Sommertag in Stuttgart aus?
Eigentlich ziemlich einfach: im Garten mit einem aufblasbaren Planschbecken. Wasser rein, Wasserpistolen raus und ein leckeres Eis dazu. Gerade mit zwei Kindern ist das ideal und mein perfekter Sommertag in Stuttgart.


