NEUE PERPEKTIVEN AUF STUTTGART
In unserer Rubrik „Blickwinkel“ kommen Stuttgarter*innen aus unterschiedlichsten Bereichen – Politik, Kultur, Wirtschaft oder Bildung – zu Wort. Wir möchten zeigen, wie vielfältig, inspirierend und manchmal auch herausfordernd das Leben in Stuttgart sein kann. Dieses Mal haben wir mit Jörg Krauss gesprochen.
Seit Februar 2025 ist Jörg Krauss Staatsminister und Chef der Staatskanzlei Baden-Württembergs. Als eine der zentralen Figuren im Landtag koordiniert er politische Abläufe, von der Vorbereitung der Ministerratssitzungen bis zur Organisation der Ministerpräsidentenkonferenzen. Mit seinem vielschichtigen Erfahrungshintergrund – vom Polizeiwachtmeister über leitende Positionen im Innen- und Finanzministerium bis hin zur modernen Führungskultur – gestaltet Krauss die Landespolitik mit dem Ziel, Verwaltung und Politik effizienter, bürgernäher und zukunftsfähiger zu machen. Ein Gespräch über Bürokratieabbau, Digitalisierung und die Frage, was unser Ländle besonders macht.
Herr Krauss, wie würden Sie Stuttgart in drei Worten beschreiben?
Ganz einfach: Stuttgart ist schön.
Was wäre aus Stuttgart nicht wegzudenken und warum?
Die Topographie und die Feierkultur. Die Topographie, weil sie Stuttgart mit den Stäffele und dem Weinbau prägt. Als bekennender Weinliebhaber wäre der Weinbau für mich nicht wegzudenken. Und die vielen Feste natürlich auch nicht. Am bekanntesten ist natürlich der Wasen, aber ich denke vor allem an die vielen Weinfeste, Stadtteilfeste, die Besenwirtschaften. Es vergeht fast kein Wochenende ohne ein Fest. Das hat in der Stadt einfach Tradition und schafft Gemeinschaftsgefühl. Im Vergleich zu anderen Städten und Regionen ist hier viel geboten.
Wie kann man die*den typische*n Stuttgarter*in beschreiben? Was sind ihre*seine Bedürfnisse?
Ich glaube, dass es den oder die typische Stuttgarter*in nicht gibt, und genau das macht die Stadt aus: Die Bevölkerung ist von Vielfalt geprägt. Hier leben Menschen aus über 170 Nationen zusammen – Facharbeiter, Studentinnen, Unternehmer, Beamte, Gründerinnen, Tüftler, Wengerter. Aber keine Gruppe bestimmt die Stadt. Diese Heterogenität macht Stuttgart spannend, aber es ist sicherlich schwieriger, alle Interessen zusammenzubringen. Also unterm Strich ist die Vielfalt ein Gewinn, aber eine Herausforderung für die Stadtentwicklung. Das Wichtigste für mich: Freundlichkeit und Wertschätzung, egal, wo man herkommt.
Sie sind seit Anfang des Jahres als Chef der Staatskanzlei tätig. Was stellt in ihrem gegenwärtigen Amt die größte Herausforderung dar?
Erstmal das, was traditionell zu den Aufgaben eines Chefs der Staatskanzlei gehört: Tag für Tag unterschiedliche Positionen zusammenführen, Dafür braucht es Geduld, Beharrlichkeit, Kompromissfähigkeit und richtig viel Empathie. Dann gibt es eine wichtige neue Aufgabe: Nicht nur unsere Rechtssetzung muss sich ändern, sondern auch unsere Verwaltungskultur, und das geht nur über Führung. Und natürlich habe ich auch eine persönliche Herausforderung: Meinen Terminkalender mit meiner Familie und meinen Streuobstwiesen zusammenzubringen, und das ist manchmal ganz schön schwierig.
Wie schreitet die Verwaltungsmodernisierung voran? Bürokratieabbau und Digitalisierung waren hier klar gesetzte Ziele! Gerade für kleine, Inhaber- oder familiengeführte Unternehmen wie es auch GEHEIMTIPP STUTTGART ist, wird die zunehmende Bürokratisierung zu einer spürbaren Belastung.
Ein Beispiel aus der Praxis: Einige staatsgeführte Kunden verlangen mittlerweile eine Rechnungsstellung über eigene Portale, in denen man sich manuell einloggen, spezifische Formulare ausfüllen oder gar mehrere Bearbeitungsschritte durchlaufen muss – eine klassische PDF-Rechnung per Mail wird schlichtweg nicht mehr akzeptiert. Das bremst vor allem kleine Betriebe massiv aus: Denn häufig laufen dort alle Aufgaben – von der Redaktion über Vertrieb bis zur Buchhaltung – aus einer Hand.
Welche konkreten politischen oder administrativen Maßnahmen planen Sie, um kleinen Unternehmen spürbar von bürokratischen Hürden zu entlasten – insbesondere bei solchen alltäglichen, scheinbar banalen, aber zeitraubenden Vorgängen? Und wie kann das Land gezielt dafür sorgen, dass Standardisierung und Digitalisierung nicht zur Zusatzbelastung für die Kleinsten werden?
Wir brauchen einen Staat, der den Bürgerinnen und Bürgern nicht nur Vorschriften bis ins kleinste Detail macht, sondern Lösungen bietet. Ganz konkret sind wir das mit der Entlastungsallianz angegangen. Wir haben gemeinsam mit Wirtschaftsverbänden und kommunalen Landesverbänden mehr als 500 konkrete bürokratische Probleme bearbeitet und 350 praxisnahe Lösungen erarbeitet, die bürokratische Hürden abbauen, Prozesse vereinfachen und optimieren. Während wir uns Mühe gegeben haben, Regelungen abzubauen, sind auf anderer Ebene vielleicht in größerer Anzahl welche hinzugekommen. Langfristig braucht es jedoch mehr: weniger Misstrauen und mehr Vertrauen in Menschen statt in Regeln. Verwaltungen sollen flexibler, lösungsorientierter und mutiger agieren – mit einer Kultur, die Verantwortung fördert und Fehler als Lernchance versteht. Also eine Verwaltungskultur des Ermöglichens und der Lösungsorientierung, statt Absicherungsmentalität und Einzelfallgerechtigkeit. Das gilt im Übrigen auch über die Verwaltung hinaus.
Wie gelingt es, die Digitalisierung im Land so umzusetzen, dass sie generationsgerecht, inklusiv und wirklich nutzerfreundlich wird?
Wir setzen auf Vereinfachung und wollen das E-Government-Gesetz dahingehend ändern, dass die Behörden des Landes die elektronische Kommunikation und Dokumente nutzerfreundlich und barrierefrei gestalten müssen. Das ist ein wichtiger Schritt. Wir müssen mehr und mehr dahin kommen, dass wir bei der Entwicklung und Überarbeitung unserer Services eine nutzerzentrierte Sicht einnehmen. Dabei sollte stets im Blick bleiben, wie Bürgerinnen und Bürger unsere Angebote wahrnehmen und wie man sie möglichst nutzerfreundlich gestalten kann. Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sie muss letztlich den Menschen und ihren Bedürfnissen dienen. Mir ist besonders wichtig, dass wir uns aktiv darum bemühen, alle Personengruppen mitzunehmen.
Die Koordination der Ministerien und der vielen Interessen führt sicherlich auch häufig zu politischen Konflikten. Wie sorgen Sie dafür, dass alles reibungslos verläuft?
Ich versuche stets, mich in die Perspektive anderer hineinzuversetzen – nicht nur, um ihr Anliegen inhaltlich zu verstehen, sondern auch ihre Emotionen und Beweggründe. So lässt sich besser nachvollziehen, was hinter einer Position steht, und es wird einfacher, gemeinsame Lösungen oder Kompromisse zu finden.
Wo sehen Sie Baden-Württemberg als Vorreiter und in welchen Bereichen besteht ausIhrer Sicht noch Nachholbedarf?
In puncto Bescheidenheit sind wir Weltmeister. „Mehr Sein als Schein“, das gehört zur DNA unseres Landes. Das spiegelt sich auch in der heimischen Küche wider. Wir haben es geschafft, aus einfachsten Zutaten die besten Gerichte zu machen. Ein guter Spätzleteig oder ein schwäbischer Kartoffelsalat sind für mich ein Gedicht. Aber sie werden eben nur perfekt, wenn man es gut kann. Die Baden-Württemberger können Dinge nicht nur gut, sie führen sie zur Perfektion. Es ist sympathisch, dass wir das nicht immer zur Schau stellen, aber etwas mehr Selbstbewusstsein würde uns schon guttun. Ich bin jedenfalls immer wieder begeistert, wenn ich sehe, was für innovative Firmen und kluge Köpfe wir im Land haben.
Sie sind in der Region aufgewachsen und arbeiten im Herzen der Landeshauptstadt, was bedeutet Stuttgart für sie persönlich?
So richtig lieben gelernt habe ich Stuttgart erst, als ich mehr als sechs Jahre im Ausland gearbeitet habe. Immer, wenn ich heimgekommen bin, dachte ich: Schön hier. Ich konnte die Stadt mit ganz anderen Augen sehen. Oft nimmt man Dinge zu selbstverständlich – aber die Topographie, die Weinberge, das Gemeinschaftsgefühl…das ist schon besonders.
Hat die jahrelange Arbeit bei der Polizei ihr Bild des Landes Baden-Württemberg verändert?
Nein, überhaupt nicht. Natürlich hat man als Polizist einen anderen Einblick in die Gesellschaft, aber strafbares Verhalten gibt es überall. Und in Baden-Württemberg haben wir im Vergleich mit anderen Ländern sehr viel weniger Kriminalität.
Was wünschen Sie sich für die Entwicklung Stuttgarts in den kommenden Jahren politisch, gesellschaftlich, kulturell?
Ich würde mir wünschen, dass die Menschen, die zu uns nach Stuttgart kommen, auf die herzlichsten Menschen Deutschlands treffen. Echte Gastfreundschaft fängt bei den kleinen Dingen an. Kleinigkeiten machen im Miteinander den Unterschied. Gegenseitige Wertschätzung ist alles. Wir sollten es uns zur Aufgabe machen, Stuttgart zur freundlichsten Großstadt Deutschlands zu machen. Ich weiß, dass da noch ein Weg vor uns liegt, aber das steckt in uns. Und dazu wünsche ich mir eine schnelle Verwaltung, die an einem Strang zieht. Daran arbeite ich jeden Tag.
Wo ist der ideale Ort im Raum Stuttgart, um dem politischen Alltag zu entfliehen und Kraft zu tanken?
Da bin ich natürlich befangen. Auf einer meiner Streuobstwiesen in Stuttgart-Uhlbach kann
ich am besten abschalten. Da kommt kein anderer Ort infrage.
Welche Verantwortung trägt die Landesregierung Baden-Württembergs in Zeiten unehmender Unsicherheit und Krisen?
In solchen Situationen braucht es drei Zutaten: Orientierung, Mut zu neuen Wegen und Motivation. Kein künstliches oder aufgesetztes Motivationstraining. Es geht darum, den Menschen bewusst zu machen, wie viel Kraft in ihnen und in diesem Land steckt. Die Landesregierung muss das nicht allein machen, wir machen das gemeinsam – mit unseren Partnern in Kommunen, Bund und Europa, mit der Wirtschaft, mit den Bürgerinnen und Bürgern. Verantwortung tragen heißt deshalb gerade in schwierigen Zeiten: Zusammenhalt.


