BLICKWINKEL MIT WINFRIED KRETSCHMANN

NEUE PERPEKTIVEN AUF STUTTGART

In unserer Rubrik „Blickwinkel“ kommen Stuttgarter*innen aus unterschiedlichsten Bereichen – Politik, Kultur, Wirtschaft oder Bildung – zu Wort. Wir möchten zeigen, wie vielfältig, inspirierend und manchmal auch herausfordernd das Leben in Stuttgart sein kann. Dieses Mal haben wir mit Winfried Kretschmann gesprochen.

Winfried Kretschmann prägte 15 Jahre lang als Ministerpräsident unser schönes Baden-Württemberg. Sein Ziel: das Land ökologisch und sozial nachhaltig zu gestalten. Geboren 1948 in Spaichingen, wuchs er in einem liberalen, katholischen Elternhaus auf und entwickelte schon früh ein Interesse an Politik. Nach seinem Biologie- und Chemiestudium arbeitete er als Lehrer, bevor er 1979 mitbegründete, was heute die Grünen in Baden-Württemberg sind. Seitdem verfolgt Kretschmann einen Kurs, der Pragmatismus, Verantwortung und eine klare Vision für die Zukunft verbindet – sowohl in der Landespolitik als auch persönlich. In unserem Gespräch gibt er Einblicke in sein Buch über Hannah Arendt, seine Erfahrungen und seine Sicht auf Freiheit, Demokratie und das Zusammenleben in Baden-Württemberg.

Herr Ministerpräsident*, Sie haben Baden-Württemberg über viele Jahre geprägt. Wenn Sie auf Ihr politisches Leben zurückschauen – was waren die prägendsten Stationen für Sie persönlich?

Als wir 2011 die Wahl gewonnen haben, war das schon ein sehr besonderer Moment. Es hatte ja eigentlich niemand damit gerechnet, dass mal ein Grüner Ministerpräsident von Baden-Württemberg wird – ehrlich gesagt, schon gar nicht ich selbst.

Sie gelten als jemand, der intellektuell arbeitet und gleichzeitig sehr bodenständig auftritt. Wie würden Sie sich selbst beschreiben – als Philosoph in der Politik, als Praktiker oder als Vermittler zwischen beiden Welten? 

Politik ist eine ungemein praktische Angelegenheit. Aber das, was man praktisch tut, muss auch Sinn machen. Auch über den Tag hinaus. Den Sinnhorizont beziehe ich aus der geistigen Sphäre.

Sie sind überzeugter Katholik, Grüner und ehemaliger Bio-Lehrer. Wie haben diese verschiedenen Prägungen Ihr Menschen- und Politikverständnis beeinflusst? 

Für mich verbinden sich diese Perspektiven zu einer Haltung, die die gesamte Schöpfung – Mensch und Natur – ernst nimmt. Wir sind Teil eines Ganzen, einer göttlichen Schöpfung, die wir bewahren müssen und zugleich gestalten dürfen durch unsere schöpferische Kreativität, der göttliche Funke im Menschen. 

Nächstes Jahr endet Ihre Zeit als Ministerpräsident. Mit welchem Gefühl gehen Sie auf die Zielgerade Ihrer Amtszeit? 

Das Amt des Ministerpräsidenten ausfüllen zu dürfen, ist natürlich ein Privileg und es erfüllt mich nach wie vor mit Dankbarkeit, dieses wichtige Amt so lange übertragen bekommen zu haben und mit dem Gefühl, alles dafür gegeben zu haben, was in mir steckt. Aber ich bin noch im Arbeitsmodus. Eine Bilanz werde ich natürlich irgendwann für mich selber ziehen. Aber im Kern sollten dies andere machen. 

Worauf sind Sie – rückblickend – besonders stolz in Ihren Jahren im Amt? 

In meiner Amtszeit haben wir wichtige Fortschritte bei Klimaschutz und Innovation gemacht, das geht bei uns Hand in Hand. Baden-Württemberg liegt heute bei der Innovationsstärke auf Platz 3 weltweit, direkt hinter Kalifornien und Massachusetts. Nirgendwo sind Investitionen in Forschung und Entwicklung so hoch wie bei uns.

Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromversorgung lag 2024 bei etwa 63 Prozent – bei meinem Amtsantritt bei ca. 18 Prozent. Ein Beispiel, wie wir das Land auf den Weg zum klimaneutralen Industrie- und Innovationsland geführt haben – und das freut mich. Vor allem aber hat meine Politik des Gehörtwerdens den Zusammenhalt in Baden-Württemberg gestärkt.

Und wenn Sie kritisch auf sich selbst schauen: Was hätten Sie gern anders oder besser gemacht? 

Die Schweizer Philosophin Jeanne Hersch hat mal einen schönen Satz gesagt: „Wir haben als Menschen nur eine einzige tatsächliche, konkrete Verabredung mit der Wirklichkeit: die findet genau jetzt statt“. Handeln kann man also nur in der Gegenwart. So halte ich es auch. Besser und anders machen hätte man im Rückblick so gut wie alles können, aber es ändert nichts mehr und ist auch intellektuell nur mäßig reizvoll. 

Welche Herausforderungen sehen Sie für Ihre Nachfolgerin oder Ihren Nachfolger – politisch wie gesellschaftlich?

Aktuell erleben wir alle, dass Unsicherheit zunimmt und Nationalismus unsere Gesellschaft spaltet. Viele Menschen sehnen sich nach einfachen Antworten, die Populisten nur allzu gern liefern. Seriöse Politik muss deshalb klar und verständlich bleiben. Europa zu stärken, den Staat einfacher zu machen und unseren öffentlichen Raum als Ort der Freiheit zu verteidigen, wird weiterhin die Aufgabe meiner Nachfolger sein.

Manche verbinden Ihren Namen mit dem Begriff „Politik des Gehörtwerdens“. Wie hat dieser Politikstil Baden-Württemberg verändert?

Die Politik des Gehörtwerdens war unsere Antwort auf die Erfahrung aus Stuttgart21 und ist inzwischen ein Markenzeichen Baden-Württembergs. Das war damals ein Konflikt, der das ganze Land tief gespalten hat. Da wurden die Bürger einfach zu Statisten degradiert. Heute sind wir bundesweit Vorreiter und Vorbild bei der Bürgerbeteiligung. Die Bürgerschaft auch zwischen den Wahlen wirksam zu beteiligen, erst das macht Demokratie lebendig. 

Sie sind seit Jahrzehnten politisch eng mit Stuttgart verbunden und haben Ihr Buch nun im September im Hospitalhof präsentiert. Was bedeutet Stuttgart für Sie als politischer Ort, aber auch ganz persönlich? 

Als Student und als Abgeordneter und Ministerpräsident habe den Großteil meines Lebens in Stuttgart verbracht. Und ich kann zweifellos sagen, dass Stuttgart zu meiner zweiten Heimat geworden ist. Ich kenne die Stadt so gut wie keinen anderen Ort, und zwar in jeder Hinsicht.

Stuttgart ist eine Stadt im Wandel – von der Auto- über die Kultur- bis zur Wissensmetropole. Wie sehen Sie die Zukunft der Stadt und wo liegen Ihre Hoffnungen, wo Ihre Sorgen? 

Stuttgart ist doch immer noch Autostadt, nur halt anders als früher. Hier wird an der Zukunft des Autos gearbeitet, elektrisch, digital und autonom. Stuttgart hat kluge und fleißige Köpfe, starke Unternehmen, exzellente Forschungseinrichtungen und eine lebendige Kulturszene. Ich habe ja lang im Stuttgarter Westen gelebt und finde, es ist eine lebens- und liebenswerte Stadt, trotz einiger Baustellen. Und es ist ja auch so: Wo gebaut wird, geht was vorwärts. 

Wenn Sie privat durch Stuttgart gehen: Gibt es Orte, die Ihnen besonders am Herzen liegen oder Erinnerungen wecken?

Einen besonderen Bezug habe ich zur Universität Hohenheim mit den tollen Erinnerungen an meine Jugend und ihrem botanischen Garten, dort gehe ich immer spazieren. Ob Körschtal oder Max-Eyth-See, ob VfB oder Ballett, ob Grabkapelle in Untertürkheim oder das Schweinemuseum in Stuttgart Ost, ob ich in den Besen in Uhlbach gehe oder zu meinen Ärzten ins Katharinenhospital, ob ich in der Villa Reitzenstein regiere oder mich auf der Wangener Höhe verlustiere, in Stuttgart bin ich überall daheim.

Sie bezeichnen Hannah Arendt als Ihren geistig-politischen Leitstern. Wenn Sie ihr tatsächlich einmal begegnet wären, was hätten Sie Hannah Arendt gern gefragt? 

Wie sie das geschafft hat, so ein gigantisches Werk zu schaffen mit der enormen Breite an gesellschaftlichen und historischen Kenntnissen, zugleich unentwegt Briefe zu schreiben, dauernd Freunde einzuladen und ständig herumzureisen. Das ist mir völlig schleierhaft, wie man das schaffen kann.

In Ihrem Buch geht es stark um Freiheit und Pluralität. Welche Botschaft möchten Sie gerade in Zeiten von Populismus und Polarisierung den Leserinnen und Lesern mitgeben? 

Wir Menschen sind alle verschieden, haben unterschiedliche Meinungen, Sichtweisen, Interessen. Und die Aufgabe von Politik ist es, das Miteinander der Verschiedenen zu ermöglichen und zu gestalten. Das heißt zum einen, die Menschen zu nehmen, wie sie sind, und Respekt zu haben auch vor denen, die ganz anders sind. Andererseits müssen wir auch gemeinsam ausverhandeln und zivilisiert streiten, damit wir auch Ergebnisse hinbekommen und uns am Ende nicht die Köpfe einschlagen.

Sie sprechen sich darin gegen eine „Willkürfreiheit“ aus, die nur das eigene Ich betont. Wo sehen Sie aktuell die größte Gefahr für ein solches Missverständnis von Freiheit? 

Ich sag’s mal so: Freiheit ohne Maß ist wie Autofahren ohne Bremsen. Irgendwann kracht’s. Und dann haben wir am Ende keine freie Gesellschaft mehr, sondern eine kaputte. Deshalb ist Verantwortung kein Gegensatz zur Freiheit, sondern ihre Bedingung.  

Sie betonen die Bedeutung einer lebendigen Bürgergesellschaft. Wie kann es in der Praxis gelingen, mehr Menschen dazu zu bewegen, sich einzubringen?

Die Politik kann Möglichkeiten schaffen. Aber letztlich muss man selbst den Antrieb haben, etwas zu verändern. Das kann jeder in seinem Alltag machen. Und das Tolle ist: über 50 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg machen das bereits! Wir sind das Land des Ehrenamts und des bürgerschaftlichen Engagements. Ob das im Dorfladen, im Verein oder beim Sport ist. Wer was tut, erlebt: Ich kann etwas bewirken. 

Ihr Begriff vom „zivilisierten Streit“ klingt wohltuend in einer hitzigen Debattenkultur. Haben Sie persönlich ein Rezept, wie man Konflikte hart in der Sache, aber respektvoll im Ton austrägt?

Demokratie lebt davon, dass man sich nicht immer einig sein muss, aber sich trotzdem gegenseitig ernst nimmt. Zivilisierter Streit ist immer ein Meinungskampf mit Argumenten, kein Kampf um Tatsachen. Ich sage oft: Jeder hat ein Recht auf eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten. Mit jemandem, der den Klimawandel leugnet, brauche ich nicht über Klimaschutz streiten. Machen muss man ihn aber trotzdem.

Die Kapitel Ihres Buches kreisen um Arendts Leitsätze – etwa „Macht entsteht, wenn Menschen gemeinsam handeln“. Welche dieser Maximen ist Ihnen selbst im politischen Alltag am meisten ans Herz gewachsen?

Für Arendt sind Sprechen und Handeln untrennbar verbunden, denn genau daraus entsteht bei ihr erst das Politische. Für mich heißt das: Meine Sprache muss klar, respektvoll, vor allem aber verständlich sein. Denn Politik betrifft am Ende ja den Alltag der Menschen. Deswegen müssen wir als Politiker auch so reden, dass uns alle verstehen. Sonst entsteht ja schon die erste Kluft zwischen „denen da oben“ und „uns da unten“. 

Sie beschreiben Politik als „Lebensform“ und nicht nur als Institution. Glauben Sie, dass diese Idee junge Menschen für Demokratie neu begeistern kann?

Als erstes ist Demokratie doch mal die Erfahrung des gemeinsamen Handelns. In der Schule, an der Uni, im Verein, in einem Start-up. Zusammen kann man etwas auf die Beine stellen. Dann erfährt man, dass man etwas bewirken kann. Und wenn man – etwa jeder in einem republikanischen Jahr – etwas für das Gemeinwesen, das Ganze tut, dann erfährt man etwas ganz Entscheidendes, nämlich Sinn.

In schwierigen Zeiten betonen Sie die Fähigkeit des Menschen zu Neuanfang und Wunder. Wo schöpfen Sie persönlich Zuversicht – jenseits der Philosophie? 

Bei den menschlichen Chromosomen gibt es mehr Kombinationsmöglichkeiten als Atome im Weltall. Das hat mich schon im Biologiestudium fasziniert. Jeder Mensch ist ein Unikat und kann denken, erfinden und handeln, wie es zuvor noch niemand getan hat. Dieser unendliche Fundus für Kreativität und unsere Fähigkeit zur Kooperation – daraus schöpfe ich Zuversicht.

Und zuletzt: Ihr Buchtitel lautet „Der Sinn von Politik ist Freiheit“. Wenn Ihre Amtszeit nun bald endet – was bedeutet Freiheit für Sie ganz persönlich in der neuen Lebensphase, die vor Ihnen liegt? 

In so einem Amt in einer Demokratie handelt man in Freiheit, aber aus Pflicht für das Ganze. Danach bin ich wieder ein gemeiner Bürger, und zwar im Lebensabend. Da darf dann die Kür dominieren. Etwa einen Roman lesen, und nicht Sachbücher. Der Lust an Erkenntnis zu frönen, ohne, dass daraus etwas folgen muss. Vita contemplativa versus vita activa. 

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Wir danken Winfried Kretschmann herzlich für das offene und aufschlussreiche Gespräch sowie für die Zeit, die er sich für unsere Fragen genommen hat.

MEHR INFOS:
https://baden-wuerttemberg.de

*Das Interview haben wir Ende 2025 – also vor den Landtagswahlen 2026 – geführt.