Habt ihr euch schon mal gefragt, wie es sich anfühlt, ganz ohne Sicherheitsnetz vor einer leeren Leinwand zu stehen? Carlo Krone macht genau das. Ohne Plan B und mit viel Mut zum Verirren lässt der Stuttgarter Künstler lieber seine Pinsel sprechen, statt sich in komplizierten Theorien zu verlieren.
Als Kind der Region, wurde er an der hiesigen Kunstakademie feingeschliffen. Seine Werke wirken dabei oft wie optische Stoppschilder. Sie bannen den Blick, noch bevor der Kopf überhaupt nach einer Interpretation suchen kann. Carlos Malerei ist ein ehrliches Angebot an uns Betrachter*innen, ganz ohne Erklärungsnot einfach mal hinzuschauen.
Wir haben nachgehakt, wie aus seinen Obsessionen fertige Bilder entstehen und warum manche Mythen über den Künstleralltag dringend gelüftet werden müssen. Vorhang auf für Carlo Krone:

Wenn du auf deinen bisherigen Weg schaust: Welcher Moment fühlt sich für dich bis heute wie ein echter Plot-Twist an?
Schwer zu sagen. Ich bin nicht so gut mit der Vergangenheit, ich vergesse und verkläre hinterher viel, sodass sich im Nachhinein immer alles sehr stringent anfühlt. Wenn man meinem Ich von vor 5 Jahren mein heutiges Leben zeigen würde, wäre es aber sicher angenehm überrascht. Während des Kunststudiums habe ich einfach jeden Tag meine Bilder gemalt und bin aber unterschwellig immer davon ausgegangen, dass sich das ja nach dem Studium ändern müsse. Vielleicht ist der Plot-Twist, dass ich das Privileg habe, dass sich erstmal nichts daran ändern muss.
Wie bist du zur Kunst gekommen? Ab wann war klar: das mach ich jetzt?
Wirklich zur Kunst gekommen bin ich durch mein Studium an der Kunstakademie. Dass ich das jetzt wohl so richtig machen werde, wurde mir klar, als ich langsam realisierte, dass ich mit meiner Arbeit an einen Punkt gelangt war, an dem es für mich nicht mehr in Frage kam, damit jetzt nicht zu 100 Prozent weiterzumachen.
Wo bist du aufgewachsen? Was verbindet dich in Stuttgart?
Ich bin in Stuttgart geboren und im Umland aufgewachsen. Heute lebe und arbeite ich hier. Und das auch sehr gern.
Wie ist das erste Gefühl, wenn du morgens ins Atelier kommst und dich diese komplett leere Leinwand anschaut?
Ich liebe dieses Gefühl. Wenn ich am Tag zuvor eine große neue Leinwand vorbereitet habe, freue ich mich schon nachts im Bett darauf. Ein Tag ohne Termine und mit leerer Leinwand ist herrlich.
Durch was lässt du dich inspirieren? Wann bist du besonders kreativ?
Bücher, Filme, Musik, Natur. Ich kultiviere immer wieder kürzere und längere Obsessionen mit Themen und Personen, die mich begeistern. In solchen Phasen binich süchtig nach jeglicher Informationsquelle über besagte Themen oder Persönlichkeiten. Besonders kreativ bin ich, wenn ich leichten Zeitdruck oder eine Art Publikum habe. Wenn damals in der Schule schnell ein lustiges Plakat für eine Biologie-Präsentation vor der Klasse gebraucht wurde, war das genau mein Metier.
Welches komplett banale Motiv hat dich beim Malen selbst am meisten positiv überrascht?
Vor zwei Jahren hatte ich mal sehr große Freude an einem kleinen Wurstbrot. Ich esse gar keine Wurst, aber Lyoner Aufschnitt ist ein prima Motiv.
Du malst ohne Sicherheitsnetz: Fühlt sich das für dich mehr nach Risiko an, mehr nach Freiheit oder genau nach der Mischung, die du brauchst?
„Risiko brauchen“ klingt so nach Adrenalinjunkie. Ich mag es auch, wenn Sachen einfach gelingen. In den meisten Fällen ist es aber tatsächlich so, dass beim Malen erstmal etwas schief geht. Es ist ein bisschen so, als würde man wandern gehen. Man möchte irgendwo hin und überlegt sich eine Route. Unterwegs verirrt man sich aber. Man ist vom Weg abgekommen und etwas beunruhigt. Man hat keine Ahnung mehr, wo man ist, aber die Natur und die Aussicht ist neuartig und wunderschön. Man macht eine Pause und legt sich ins Gras. Danach geht man in die entgegengesetzte Richtung weiter. Man verspürt große Freiheit, möchte gleichzeitig aber schon gerne vor Anbruch der Dunkelheit zuhause ankommen. So in etwa ist das Gefühl beim Malen.
Was wünscht du dir insgeheim, was im Kopf eines Menschen vorgeht, der zum erstem Mal ein Bild von dir sieht?
Etwas, das noch vor dem eigentlichen Denken kommt. Ein unmittelbarer Sinneseindruck, der den Blick bindet und der ein Interesse weckt — ohne, dass man sich die Frage stellt, was das Bild von einem will, oder was man als Betrachter*in damit tun soll. Es soll vollkommen klar sein: dieses Ding an der Wand ist zum Gucken da. Ein bisschen, wie wenn man ein Stoppschild anschaut.

Wie ist es für dich, wenn plötzlich du als Name gebucht, fotografiert und interviewt wirst – eher ungewohntes Rampenlicht oder Teil des Jobs?
Dass sich für die eigene Arbeit und die Person dahinter interessiert wird, ist ein sehr schmeichelhaftes Gefühl. Wer etwas anderes behauptet, lügt. Des Weiteren bedeutet das auch eine Öffentlichkeit für die eigene Kunst. Öffentlichkeit ist essenziell für Kunst. Also zunächst alles super. Was vielleicht ein bisschen tricky sein kann, ist die Frage, wie viel man durch sein Auftreten und seine Aussagen seiner Kunst anInformation beigibt und ob das immer der Sache dient. Andererseits ist das natürlich auch das Spannendste – ich interessiere mich ja auch dafür, welche Zigarettenmarke David Hockney raucht oder wie es im Wohnzimmer von Madonna aussieht.
Was kann ein Ausstellungsort mit deinen Bildern machen, im besten aber auch schlechtesten Fall?
Im besten Fall zeigt ein Ausstellungsraum mir meine eigenen Bilder (manchmal wortwörtlich) in einem ganz anderen Licht und legt Aspekte und Methoden meiner Kunst offen, die ich selber noch gar nicht bewusst kannte. Beim Malen werde ich schnell betriebsblind. Manchmal merke ich erst, wenn die Bilder ihr gewohntes Umfeld verlassen: „Moment mal, eigentlich male ich oben rechts immer eine Art Kreis“ oder „Das Bild, das ich im Atelier am wenigsten mochte, ist ja insgeheim das Beste“. Einen schlechtesten Fall gibt es eigentlich nicht. Als Ausstellender muss ich mich nach dem Raum richten, nicht andersherum.
Nimmst du Architektur und Atmosphäre eines Raumes schon mit ins Denken, wenn du an neuen Arbeiten sitzt?
Bis zu einem gewissen Grad denke ich das immer mit. Wenn ich versuche, Bilder von Anfang an zu strategisch und konzeptionell für einen bestimmten Anlass oder Ort zu planen, hemmt mich das aber eher. Jedes einzelne Bild muss zunächst auf seine eigene Weise fertig werden und eigenständig sein. Über mehr als das denkt man während des Malens am besten gar nicht nach. Wenn es dann aber daran geht, fertige Bilder für einen bestimmten Ort auszuwählen, entdecke ich oft schöne Bezüge zwischen den Bildern und zum Ausstellungsraum. Das ist dann weder ganz zufällig noch vollständig bewusst geplant. Dieser Zwischenbereich ist für meine Arbeit generell sehr wichtig. Das ist dann wie ein Spiel.

Mit welchem Gefühl sollten Menschen deine Ausstellung verlassen?
Mit dem Gefühl, das man hat, wenn man aus dem Kino kommt, nachdem man einen guten Film gesehen hat. Diese Art von Film, nach dem man eine neue Perspektive auf die Dinge hat und sich emotional ambivalent, aber auch gestärkt fühlt. Später sucht man im Internet nach der Jacke, die der Hauptdarsteller im Film getragen hat.
Was machst du an Tagen, an denen im Atelier einfach gar nichts ins Fließen kommen will?
Lesen. Wenn das nicht hilft, nach Hause gehen und am nächsten Tag einen neuen Versuch starten.
Welchen Zweifel aus früheren Jahren würdest du deinem jüngeren Ich heute am liebsten ein für alle Mal wegnehmen?
Ängste und Zweifel hatte ich immer viele – in der Kunst allerdings eigentlich nie. Ich war immer überzeugt, dass ich das machen darf, was ich mache und dass das einen Eigenwert hat, sofern man mit ganzem Herzen dabei ist. Vielleicht bin ich naiv oder als Kind zu viel gelobt worden.
Wie wichtig ist dir dieser direkte Moment nach der Ausstellung, wenn jemand dir sagt, was dein Bild bei Ihm ausgelöst hat?
Sehr wichtig. Dabei ist auch erstmal egal, was genau das Bild bei der Person ausgelöst hat. Manche Leute formulieren ihre Empfindungen zu meinen Arbeiten eher fragend, so als würden sie mir ihre Theorie vorstellen und ich würde sie dann korrigieren, da ich als Künstler ja die richtige Lösung kenne. Aber diese vermeintliche Lösung gibt es nicht und ich weiß im Grunde genommen auch nichts. Jede Empfindung zu einem Bild ist erstmal richtig. Es gibt bei meinen Bildern nichts misszuverstehen. Die Bilder sind Angebote und für alle da. Am liebsten habe ich es, wenn die Leute mir einfach selbstbewusst erzählen, was sie denken und es ihnen ein bisschen egal ist, was ich dazu zu sagen habe, denn so ist es richtig.
Was hoffst du, dass Menschen in zehn Jahren über deine heutige Malerei sagen?
„Wahnsinn, das sieht ja komplett anders aus als das, was er heute macht. Aber jetzt, wo man’s weiß, macht es irgendwie Sinn.“
Wenn Stuttgart ein Gemälde von dir wäre – welcher Titel stände darunter?
Schwierig. Ich nutze Titel gerne, um dem Bild noch eine weitere Bedeutungsebene mitzugeben, um ein bisschen Komplexität und Verwirrung zu streuen, wenn mir das Bild an sich noch zu eindimensional ist. Ich finde aber, Stuttgart ist komplex genug. Vielleicht täte hier ein einfacherer Titel gut. Vielleicht einfach „S“? Naja.
Dein persönlicher Geheimtipp in Stuttgart für „hier tanke ich Inspiration“?
Morgens in die Staatsgalerie, abends zum VfB ins Stadion.
Hast du ein Lebensmotto?
Ich glaube, auf diese Frage kann ich keine Antwort geben, die mir nicht in zehn Jahren sehr peinlich wäre.


