DIE MAGIE DES UNGEPLANTEN
Ein Gespräch mit Schauspielerin Christina Hecke über Heimat, Sinnsuche und die Magie des Ungeplanten.
“Das Leben weiß oft besser, wohin es mit uns will.”
Es gibt Menschen, die tragen ein Leuchten in die Welt. Christina Hecke, Schauspielerin, Autorin, Sprecherin – und gebürtige Stuttgarterin – gehört definitiv dazu. Sie denkt tief, fühlt weit und spricht so radikal ehrlich über das Leben, dass man sich sofort verstanden fühlt. Für unsere Jubiläums-Printausgabe haben wir sie getroffen. Ein Gespräch über Heimat, Herz und Hollywood-Seifenblasen – und warum ein praller Fußball manchmal die beste Lebensphilosophie ist.
Christina, Schauspielerin – war das schon immer klar?
Eigentlich wollt’ ich Elvis heiraten und Ärztin werden. Hund, Pferd, Landluft – das volle Programm. Dann war Elvis tot, Jura kam, Schauspiel blieb. Jetzt bin ich also Schauspielerin geworden, lebe mitten in Berlin und habe kein Pferd vor der Tür.
Unglücklich darüber?
Never! Das Leben weiß oft besser, wohin es mit uns will.
Wie bereitest du dich auf Rollen vor?
Das Leben ist mein Lehrer. Wir erzählen das Leben – nicht durch Denken, sondern durch liebende Beobachtung. Diese Haltung prägt auch meine Rollenwahl: ein Zusammenspiel aus Regie, Buch, Rolle, Kolleg*innen, Verfügbarkeit, meinem Gefühl und einem inneren „Das passt“.
Und wenn es nicht passt?
Dann ist das Gesamtpaket nicht stimmig. Das kommt selten vor – aber ich höre da sehr klar auf mein Herz.
Dein letzter Film „Von uns wird es keiner sein“ behandelt intensive Themen. Suizid, Depressionen. Ängste. Was hat dich an diesem Projekt besonders gereizt?
Hier fand ich tatsächlich die nahbare, aber nicht aufdringliche und die beobachtende, nicht wertende Art des Buches und der Regie wahnsinnig ansprechend. An diesen Themen wird so viel „rumgewerkelt“, was aus der Wertung/ Bewertung oder auch dem verklausulierten Intellektuellen kommt, das hat meist eine große Distanz und wenig ehrliche Nahbarkeit. Das war hier nicht der Fall. P.S.: Liegt noch in der ZDF Mediathek (absolut empfehlenswert, Anmerkung der Redaktion).

v.l.n.r. Tom Keune, Marielle Millowitsch, Christina Hecke, Sabin Tambrea
Gibt es Rollen oder Genres, die du unbedingt mal ausprobieren möchtest?
Ich finde alles spannend, was ich noch nicht gemacht habe. Ob Märchen oder Action-Thriller, Historiendrama oder Bio-Pic. Das muss auf einen zukommen. Wir Spieler kommen ja oft erst ins Spiel, wenn die Story schon steht und die Produktion beauftragt ist. Ich bin gespannt…
Welche Rolle war für dich persönlich die prägendste – und warum?
DIE prägendste Rolle gab es in meiner Arbeit nicht, aber jede Figur hat alles von mir bekommen und ich habe viel mitgenommen. Sehr nah ist mir allerdings schon die Judith Mohn aus der Krimireihe IN WAHRHEIT. Die Kommissarin aus dem Saarland begleitet mich ja jetzt schon seit zehn Jahren.

Wie gehst du mit der Balance zwischen Theater, Film und Fernsehen um?
Für mich ist die Balance die Einheit. Es gibt zwar zwischen Bühnen- und Kameraschauspiel einen großen arbeitsrelevanten Unterschied – aber die Substanz bin ja ich. Meine Werkzeuge muss ich da nur anders einsetzen. Ich war lange nicht auf der Bühne. Mal schauen, ob das mal wieder kommt.
Wie erlebst du den Umgang mit Lampenfieber und der öffentlichen Aufmerksamkeit?
Das gehört zum Beruf, wie der Fußball auf den Rasen. Allerdings hat der Fußball auch kein Lampenfieber, wenn er eingeworfen wird, um zu fliegen oder getreten zu werden. So geht’s mir auch. Da wartet Wohlwollendes, Angriffslustiges, Ehrliches und Unehrliches.Und das eine vom anderen zu trennen und dabei ich selbst zu bleiben – das habe ich im Fokus. Der Fußball kommt ja auch nicht als Melone zurück. Der bleibt ein praller Ball. Man muss seine Aufgabe kennen, und darf dabei den Sinn nicht verlieren. Und auch nicht die Freude!
Welche Figur oder welchen Charakter würdest du gerne einmal spielen, wenn du die freie Wahl hättest?
Winston Churchill – ach, Stopp! Bin ja eine Frau (lacht)
Du bist geborene Stuttgarterin – wie oft bist du beruflich oder privat noch in Stuttgart unterwegs?
Selten. Ich habe noch Freunde und Familie da, aber mein Wirkungsfeld fragt nach meiner Anwesenheit an anderen Plätzen. Aber Heimat ist eh im Herzen. Der Ort ist also immer da, wo ich bin. Und so ist Stuttgart, als Teil von mir, auch immer in meinem Herzen.
Welche Erinnerungen aus deiner Kindheit oder Jugend verbindest du mit der Stadt?
Ich hab vor allem ganz warme Erinnerungen an meine Tante und meinen Onkel aus Stuttgart. Da hab ich mich immer wahnsinnig wohl gefühlt. Stuttgart hab ich als etwas Heimeliges im Herzen.
Dein liebstes schwäbisches Gericht?
Mauldäschlesupp‘!
In deinem Buch „Mal ehrlich – Mein Blick hinter unser Leben“ sprichst du über Allverbundenheit. Wie passt diese Erkenntnis in deinen Alltag?
Es ist so: meinem Herzen sage ich ja nicht jeden Moment: JETZT, schlagen. Und meiner Lunge, meinen Organen, Muskeln gebe ich auch keine Befehle. Aber die arbeiten zusammen. Einfach so. Da ist so viel mehr, was unser Leben ausmacht. Jede Begegnung, jeder Augenblick hat etwas Magisches. Wir verstecken uns hinter Staatsgrenzen, Nationalitäten, Gendern, politischen Gesinnungen, Religionen und was noch alles – aber wir sitzen auf demselben Erdball. Der dreht sich um seine eigene Achse und dabei sehen wir Sonne und Mond und glauben an Zeit. Dass es uns Menschen gibt, muss einen anderen Sinn haben, als nur die Rechnungen zu bezahlen und uns fortzupflanzen. Das steht fest. Wir sind gefragt genauso zusammenzuarbeiten wie die Organe unserer Körper. Das ist für mich All(e)-Verbundenheit.
Gibt es eine bestimmte Lebenslektion aus deiner Nahtoderfahrung, die du besonders weitergeben möchten?
Das Leben ist ein Kreislauf. Alles hängt zusammen. Nicht ist je nichts. Es gibt dabei also nichts „weiterzugeben“, da wir alle alles wissen. Jedenfalls im Inneren. Uns darauf zurückzubesinnen und uns gegenseitig mehr daran zu erinnern als uns davon abzulenken – das vielleicht.
“Wenn man sich vom Leben überraschen lässt, ist das schöner als jeder Wunsch.”
Dein Buch behandelt auch Liebe und Partnerschaft. Welche Werte sind dir in einer Beziehung besonders wichtig?
Wenn die Werte keine gemeinsamen sind, ist es aus meiner Sicht keine Beziehung sondern ein Arrangement. Es sollten viel mehr Beziehungen eingegangen werden und viel mehr Ehen auch wieder geschieden. Wenn wir uns nicht gegenseitig beflügeln – warum dann aneinander festhalten? Ein elementarer Wert ist für mich also, eine beständige Offenheit, sich immer wieder mit neuen Augen sehen zu können und sich deshalb auch gegenseitig zu bereichern und zu bestärken.
Wie verbringst du am liebsten freie Tage – eher aktiv draußen oder ruhig zu Hause?
Freie Tage sind für mich nicht gleich arbeitsfreie Tage. Jeder Tag ist anders. Neu. Mal steht das an, mal was anderes…. Es muss vor allem sinnvoll sein.
Und wie hältst du dich kreativ inspiriert, gerade wenn du viel unterwegs bist?
Inspiration ist keine Kreation. Das passiert. Es ist also wenig „kreativ“, sondern vielmehr eine Folge des Erlebens. Die Offenheit sich überhaupt inspirieren zu lassen ist entscheidend. Egal ob zu Hause oder unterwegs, also in der Stille oder der Bewegung.
Was würdest du jungen Schauspieler*innen als Rat mit auf den Weg geben?
Arbeite noch in einem anderen Bereich nebenbei und lebe dein Leben unabhängig von den Engagements. Das bereichert. Und glaub nicht alles, was man dir erzählt. Der Glamour ist eine Seifenblase. Dieser Beruf ist eine Verantwortung. Voll eingenommen, kann sie unsere Gesellschaft wahrlich verändern. We have a job to do! Und das ist weit mehr als auf einem roten Teppich zu stehen oder viele Follower zu haben.
Wie verbringst du die Weihnachtszeit – gibt es Traditionen oder Rituale, die dir wichtig sind, egal wo du gerade bist?
Weihnachten ist ein kommerzielles Fest, das mit einer Tradition rechtfertigt wird. Nicht so mein Ding. Jesus feiern: gerne. Aber das kann ich auch an jedem anderen Tag, und auch ohne Weihnachtsbaum.
Gibt es eine Botschaft, die du unseren Leser*innen in der Winterausgabe mitgeben möchten?
Noch eine? Wir haben doch so viele schöne Dinge besprochen…! Haha! Ok: Winter, Frühling, Sommer, Herbst – dann wieder Winter. Irgendwas muss an den Kreisläufen des Lebens dran sein. Wenn alles hier zyklisch ist – wieso sollte dann das Leben eines Menschen die einzige Gerade sein? Adeele!
Vielen Dank für das inspirierende Gespräch und bis hoffentlich bald mal wieder im Kessel, liebe Christina! Grüße in die Hauptstadt!



