DAVID BRASCHLER

VOM KULTURENSOHNFESTIVAL

David Braschler, aka Dosendave, ist ein in Stuttgart verwurzelter Künstler, Kurator und Kulturaktivist. Mit einem Hintergrund in Theater, Musik und urbaner Kunst bewegt er sich seit Jahren an den Schnittstellen zwischen Kultur und gesellschaftlichem Diskurs.

Für das aktuelle Festivalprojekt „Kulturensohn“ (11.-16.8.) auf der Kulturinsel Stuttgart übernimmt er nicht nur die künstlerische Leitung, sondern schafft auch Räume für Teilhabe, Austausch und kreative Grenzüberschreitung. 

Das „Kulturensohn“ ist kein klassisches Festival, sondern – wie ihr selbst sagt – vor allem ein Statement. Was ist damit gemeint?

Wir sind alle Söhne und Schwestern der verschiedensten Kulturen. Als jemand, der sich gerne auch mal einen Kulturschock einholt und ein Herz für Vielfalt und das Andersartige besitzt, bin ich auf den Namen „Kulturensohn“ gestoßen. Es hört sich natürlich auch ein bisschen nach einem Schimpfwort an und das ist auch gut so. Kunst darf auch mal triggern und etwas in uns auslösen.

Woher kam deine Inspiration für dieses Event?

Jonathan Meese, einer meiner Lieblingskünstler, stellte mal die Frage: „Wer entscheidet heutzutage, was Kultur ist?“ Es gibt immer ein Gremium, das entscheidet, wer und was künstlerisch gefördert wird, um im Endeffekt möglichst viel Profit daraus zu schlagen. Das prägt natürlich auch nachhaltig unsere Kulturlandschaft. Das Schlimme ist, wenn Kunst dem Kommerz weicht. Auch das eigene Ego spielt in der Kunst immer irgendwie eine Rolle, man siehe Picasso oder Dali, die vor allem als Personen stark polarisierten. Mit dem Festival möchte ich genau dem entgegensteuern. Hier sollen Menschen aus allen Richtungen zusammenkommen, gleichermaßen Feiern und Mitwirken. Es soll ein Raum sein, der wirklich für alle da ist – generationsübergreifend, offen und familienfreundlich.

Welche Rolle spielt der Aspekt Freiheit und das Miteinander? Ist es genau das was Kultur heutzutage braucht? 

Ja, unbedingt. Die wahre Kultur ist für mich wenn man’s ganz runterbricht, ums Feuer tanzen und Geschichten erzählen. Ein Miteinander von Mensch und Natur, ohne dabei gegen sie gerichtet zu sein. Im Kern steht die Gemeinschaft, das drumherum variiert. Künstlerische Freiheit und die Intention, das Spielerische zu bewahren, waren mir dabei zentrale Anliegen. Im Endeffekt ist es nichts anderes als bei jemandem zuhause zu klingeln und zu fragen, ob er oder sie zum Spielen rauskommen will – mit dem Unterschied, dass wir jetzt erwachsen sind.

Ihr ladet im Programm explizit zum Mitmachen ein, wie wichtig ist das aktive Mitwirken bei kulturellen Veranstaltungen?

Extrem wichtig. Mir hat nie die Idee getaugt, dass es einen DJ gibt, der als eine Art Puppenspieler gegenüber den Feiernden fungiert. Das ganze Drumherum zählt. Erfahrungsgemäß sind viele erst skeptisch, wenn es bei Events die Möglichkeit gibt aktiv und kreativ zu werden. Sobald diese Rahmenbedingungen aber erst einmal gegeben sind, entwickelt sich meist doch eine gewisse Dynamik, die Jung und Alt zum Mitmachen anregt. Das Schöne ist, dass auch Freunde von mir das Programm mitgestalten. Dabei möchte ich niemandem vorschreiben, was sie tun sollen und allen Beteiligten einen möglichst großen kreativen Spielraum geben.

Welche Herausforderungen bringt die Vorbereitung eines so vielseitigen Festivals mit sich?

Ich bin definitiv ein Grenzgänger: Ich schaue mir gerne die Grenze an, gehe darüber hinaus oder wieder zurück. Mit dem Festival bewege ich mich an einer persönlichen Grenze, weil es gerade einiges in meinem Leben gibt, das sich im Umbruch befindet. Doch gerade da denke ich mir: Jetzt erst recht! So sehe ich, wer an meiner Seite steht und wie weit ich mit meiner Gesundheit gehen kann. Bisher haben mich derartige Projekte immer weitergebracht, am Leben erhalten und zu dem Menschen gemacht, der ich bin und auch sein will. Ich stecke viel Herzblut in das Ganze, weiß aber, dass ich ebenso viel zurückbekommen werde.

Worauf freust du dich persönlich am meisten? Gibt es einen bestimmten Programmpunkt, der dir besonders am Herzen liegt?

Mein Cousin spielt Impro-Theater, und seine Gruppe war ursprünglich für das Festival eingeplant – leider klappt das nun doch nicht. Schade, denn das hätte einen schönen familiären Akzent gesetzt. Es stand nicht unbedingt an der Tagesordnung, dass meine Familie meine künstlerische Laufbahn unterstützt, obwohl sie es irgendwie alle in sich tragen. Dieses 0815-Denken sprenge ich auch auf Seiten meiner Familie mal ganz gerne. Auf den letzten Abend freue ich mich besonders – der wird sicher wild. Da lege ich auch selbst als DJ Warnweste mit einer großen Schallplattensammlung auf – viel 70er und 80er. Es muss passieren, dass Kulturen zusammenschmelzen, auch musikalisch. Genre ist für mich tot. 

Welche Bedeutung hat Musik für dich persönlich?

Ich denke Musik ist in erster Linie etwas für einen selbst. Klar kann man das, was man den Leuten vorspielt anpassen, sodass jeder zufrieden ist, aber ich finde es darf auch mal einfach eine persönliche Hörprobe sein. Dadurch wird auch ein Raum geschaffen Musik kennenzulernen, die vielleicht nicht jeder kennt. Ich möchte den Leuten ein gutes Gefühl und einfach etwas total Abgefahrenes geben. Man soll nicht nur mittanzen, sondern ruhig auch mal verwundert vor dem DJ-Pult stehen. 

Was fehlt dem Kulturleben in Stuttgart heutzutage? 

Zusammenhalt. Ich bin selbst in Stuttgart aufgewachsen und lebe bereits seit gut 30 Jahren hier. Trotz der „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ – Mentalität ist es erfahrungsgemäß sehr schwierig, mit Hilfe der Stadt etwas auf die Beine zu stellen. Wenn es dann mit viel Mühe doch klappt und langwierige, große Projekte entstehen, werden diese, sobald es weniger gut läuft, entweder ganz fallen gelassen oder auf eine Art und Weise modifiziert, dass der Kern des Ganzen verloren geht. 

Hast du da etwas Bestimmtes im Kopf?

Ich denke da zum Beispiel an den sehr geschichtsträchtigen Club „Röhre“, dem es ähnlich erging. Da braucht es einfach mehr Zusammenhalt und Initiative, um für solche Orte einzustehen. Ohne Frage lässt sich auch eine wachsende Offenheit seitens der Stadt beobachten. Trotz allem bleibt immer ein gewisses Gschmäckle, wie der Schwabe sagen würde – bei dem nicht sicher ist inwieweit Popularität und Kommerz bei Förderungsentscheidungen hineinspielen.

Vor allem junge Menschen sollten zusammenkommen und aktiv die Dinge einfordern, die sie sich für das Kulturleben der Stadt wünschen. Ein gutes Beispiel ist die Skater-Szene – dort zählen Zusammenhalt und Engagement. Anfangs sind sie sogar ins Rathaus gegangen, um einen neuen Skatepark zu fordern. Daran könnte man sich orientieren.

Was war dein erster Berührungspunkt mit der Kulturinsel?

Beim ersten Kontakt mit der Kulturinsel war ich bestimmt noch minderjährig. Ich kam rein und hab mich erstmal mit einem Schriftzug per Marker verewigt – das war noch zu Beginn von meiner Graffiti-Zeit. Ich wurde erwischt und durfte daraufhin zum Putzen kommen. Dabei kam man ins Gespräch, ob ich nicht mal was für die Kulturinsel malen wolle und daraus ist irgendwie eine langjährige Liebe entstanden. 

Was macht die Kulturinsel als Ort für derartige Events unverzichtbar – insbesondere im Vergleich zu anderen Kulturstätten der Stadt?

Ich war hier selbst auf vielen Partys, habe das Freiheitsgefühl genossen: zu tanzen, ohne das Gefühl zu haben, dabei schief angeschaut zu werden – sondern einfach mal loszulassen. Joachim hat dafür über die Jahre einen wunderschönen Platz geschaffen. Ein wichtiger und auch historischer Ort in Stuttgart – nicht nur für die Kulturszene. Auf den Gleisen, die hier verlaufen, kamen über den Gütertransport übrigens auch die ersten Bananen nach Stuttgart.

Wie stark schwingt bei diesem Festival auch der Gedanke mit, Sichtbarkeit für den bedrohten Ort zu schaffen?

Gar nicht so sehr. Ich bin mit der Idee des Festivals hergekommen und habe dann erst erfahren, dass die Kulturinsel renoviert – und damit zum Glück auch am Leben erhalten – wird. Und da dachte ich: Perfekt! Dann haue ich jetzt nochmal richtig einen raus. Alle Künstler, die beim Festival mitwirken, bekommen durch das großartige Team der Kulturinsel auch gleich ein Sprungbrett – mit der Hoffnung, auch bei vielen zukünftigen Veranstaltungen mitwirken zu können. 

Was wünschst du dir persönlich für die Kulturinsel?

In den kommenden Jahren steht einiges an: Auf dem Gelände entsteht eine neue Spielstätte, die um eine zusätzliche Theaterfläche ergänzt und umfassend modernisiert wird. Die Insel wird somit als Ort für Groß und Klein fortbestehen. Ich hoffe einfach, dass der Charme des Ganzen erhalten bleibt und dieser Ort weiterhin als Plattform für jegliche kreative Subkultur dient. Auch wenn ich das Wort eigentlich nicht mag. Warum gibt es überhaupt eine Hochkultur? Warum sind wir nicht einfach alle Kultur?

Wenn du nur ein Wort wählen dürftest, um die Atmosphäre die auf dem Festival erzeugt werden soll zu beschreiben – welches wäre es?

Kuschlig.

MEHR INFOS:
https://instagram.com/kulturensohnfestival2025