AUF SPITZE AN DIE SPITZE
Demi-Pliés, Changements und Port de bras: Was bei euch vielleicht für Fragezeichen sorgt, sind für Elisa Carrillo Cabrera wesentliche Elemente ihres Lebens. Die mexikanische Balletttänzerin ist seit 1. Januar 2026 die neue Direktorin der John Cranko Schule und löst damit Tadeusz Matacz ab.
Für sie ist das eine Rückkehr, denn schon in den Jahren von 1999 bis 2007 war sie Teil des Ensembles der John Cranko Schule, zuletzt als Solistin. 2007 wurde sie von Vladimir Malakhov zum Staatsballett Berlin berufen, wo sie von 2011 bis 2024 erste Solotänzerin war.

Die in Mexiko aufgewachsene Künstlerin ist schon als 16-Jährige nach London gegangen, um an der English National Ballet School ihre Ausbildung zu absolvieren. Ab diesem Zeitpunkt entwickelte sich ihre Karriere steil nach oben, sie hat Meilensteine erreicht, von denen andere nur träumen können.
Neben ihrer herausragenden Arbeit als Tänzerin leitet sie die Elisa Carrillo Cabrera Stiftung, die Tänzer*innen aus Mexiko die Möglichkeit gibt, im Ausland zu studieren. Außerdem ist sie Co-Direktorin der Compañía Nacional de Danza Mexiko, Mitglied im International Dance Council der UNESCO, Kulturbotschafterin von Mexiko und vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit der Medal of Fine Arts (vom National Institute of Fine Arts, Mexiko).
Die Liste ihrer Erfolge könnten wir noch eine Weile fortsetzen. Wir verraten euch, was sie als Direktorin der John Cranko Schule plant, welche Rolle sie am meisten bewegt hat und wie ihr perfektes Wochenende aussieht.
Wie genau erreichte dich die Nachricht oder der Anruf, dass man dich als neue Direktorin der John Cranko Schule gewinnen möchte?
Tamas Dietrich, der Intendant des Stuttgarter Balletts, hat mich angerufen.
Was war daraufhin dein allererster Gedanke in diesem Moment? Wie fühlt es sich an, die Nachfolge einer Ikone wie Tadeusz Matacz anzutreten?
Tadeusz Matacz war 27 Jahre lang Direktor der John Cranko Schule in Stuttgart. Es ist mir eine große Ehre seine Nachfolge anzutreten. Gleichzeitig bin ich mir aber auch der großen Verantwortung bewusst, die mit dieser Rolle einhergeht.
Was hat dich am meisten daran gereizt, ausgerechnet hier an die Schule zurückzukehren?
Von 1999 bis 2007 war ich als Tänzerin Teil des Stuttgarter Balletts, zuletzt als Solistin, bevor ich zum Staatsballett nach Berlin gegangen bin. Jetzt als Direktorin zurückzukehren verbinde ich mit einem Gefühl von Inspiration. Ich freue mich sehr auf alles, was kommt.
Wenn du durch die John Cranko Schule läufst: Fühlt es sich nach „Ankommen“ oder nach einem kompletten „Neustart“ an?
Für mich fühlt es ich nach einem Ankommen an.
Was zeichnet den „Stuttgarter Stil“, den John Cranko 1971 gegründet hat aus, das man an keiner anderen Schule der Welt findet?
Für mich zeichnet die John Cranko Schule, auch im Vergleich mit anderen Schulen, vor allem die Tradition aus. Sie wurden schon 1971 von John Cranko gegründet und ist eine der renommiertesten Ballettschulen der Welt.
Spitzenschuhe sind das Symbol des Balletts. Hast du eigentlich noch dein allererstes Paar oder ein Paar, das dir besonders viel bedeutet?
Ja, das gibt es. Obwohl ich in meiner Karriere natürlich schon sehr viele Paare besessen habe, gibt es welche, die mir besonders viel bedeuten.
Wenn du eine Choreografie über den Stuttgarter Berufsverkehr entwerfen müsstest: Wäre das ein dramatisches Solo oder ein chaotisches Ensemble?
Das wäre auf jeden Fall ein chaotisches Ensemble.
Was ist ein Talent von dir, von dem selbst deine treuesten Fans in der Staatsoper noch nie etwas gehört haben?
Eine Eigenschaft von mir, die vielleicht nicht sofort mit mir in Verbindung gebracht wird, ist Geduld. Ich bin ein geduldiger Mensch und habe Ausdauer. Aber wahrscheinlich ist das auch ein Baustein meiner Karriere.
Welches Ziel willst du in deinem ersten Jahr als Direktorin unbedingt abgehakt haben?
Für meine Zeit als Direktorin sind mir zwei Dinge besonders wichtig, Stabilität und Vertrauen. Das ist die Basis für eine gute Zusammenarbeit mit der Kompanie und dem ganzen Team.
Du und Mikhail leitet die Schule gemeinsam, welchen gemeinsamen Vorsatz habt ihr euch für euer erstes Jahr als Leitungs-Duo ganz fest vorgenommen?
Es wird eine tolle Erfahrung, mit meinem Mann, Mikhail Kaniskin zusammenzuarbeiten und die Schule zu leiten. Wir sind eine Einheit und werden gemeinsam die John Cranko Schule in die Zukunft begleiten.

Wenn du eine Botschaft an die 10-jährigen Talente hättest, die heute zum ersten Mal die Schule betreten: Welches Versprechen gibst du ihnen für ihre Zukunft?
Die Botschaft wäre, dass sie nicht allein gelassen werden. Eine gute Begleitung ist die Basis für eine vertrauensvolle gemeinsame Arbeit und die Entwicklung der Nachwuchstänzer*innen.
Gibt es eine Sache, die du als Direktorin tun kannst, die du als Ballett Tänzerin niemals hättest bewirken können?
In der Position als Direktor kann ich hier aktiv mitgestalten. Ich treffe Entscheidungen in diversen Bereichen, von der Auswahl der Tänzer*innen bis zum Repertoire.
Welcher Auftritt oder welche Probe in der Staatsoper war für dich emotional so intensiv, dass du in diesem Moment wusstest: „Hier gehöre ich hin, das ist mein Leben“?
Das war die Rolle der Tatjana in John Crankos „Onegin“. Die Entwicklung der Tatjana vom jungen Mädchen zur selbstbewussten Frau und die Entscheidung für oder gegen die große Liebe ist sehr emotional.
Welches Stuttgarter Lokal von damals existiert heute noch und schmeckt für dich nach purer Nostalgie?
Für mich ist es die Akademie der schönsten Künste, ganz in der Nähe des Charlottenplatzes. Dieses Ort ist eine Konstante in meinem Stuttgarter Leben.
Gibt es ein Café oder Restaurant in der Nähe der John Cranko Schule, das für dich fast schon wie ein zweites Wohnzimmer geworden ist?
Aufgrund der vielen Zeit, die ich hier verbringe, ist das die Mensa der John Cranko Schule.
Wie sieht dein perfektes, tanzfreies Wochenende in Stuttgart aus?
Mein perfektes Wochenende verbringe ich mit meiner Familie und wir genießen gemeinsam die Stadt und alles drumherum.
Welches Gefühl nimmst du mit in den Montagmorgen, um die John Cranko Schule weiterhin mit so viel Herz zu leiten?
Das entscheidende Gefühl ist für mich Motivation. Damit beginne ich jede neue Woche, denn ich liebe, was ich tue.


