JO MÜLLER

HINTER DEN KULISSEN DER APOKALYPSE

Kaum ein deutscher Regisseur hat Hollywood so spektakulär erobert wie Roland Emmerich – und kaum jemand hat seinen Weg über mehr als drei Jahrzehnte so aufmerksam begleitet wie Dokumentarfilmer und Autor Jo Müller.

Mit MEISTER DER APOKALYPSE legt Müller nun das persönlichste Porträt des Blockbuster-Regisseurs vor, das je entstanden ist. In seinem Film blickt er hinter die glitzernde Fassade der Traumfabrik, erzählt von hart erkämpften Erfolgen, früh geschmiedetem Handwerk und schwäbischer Bodenständigkeit, die selbst im größten Effektgewitter spürbar bleibt.

Im Interview spricht Jo Müller über seine besondere Verbindung zum Südwesten, über Mut, der Karrieren prägt, über das Vertrauen, das Emmerich ihm über viele Jahre entgegengebracht hat – und über die Herausforderung, aus Hunderten Stunden Material ein authentisches, menschliches und überraschend intimes Porträt zu formen.

Du bist beruflich eng mit dem Südwesten und Schwaben verbunden. Wie beeinflusst dieses regionale Know-how deine Sicht auf die Dokumentation über Roland Emmerich?

Ich bin tatsächlich eng verwurzelt mit dem Schwabenland und beobachte in meiner journalistischen Tätigkeit und als Filmemacher schon seit langem, wie die Schwaben großartige Dinge entwickeln, erfinden und zustande bringen – dabei aber mit ihrer Leistung stets übertrieben zurückhaltend sind. Dazu werden sie absurderweise von anderen oft belächelt. Man denke nur an das verzerrte Bild, das speziell die Berliner von den Schwaben haben. Ein Zustand, den ich nicht verstehe und der mich irritiert. Wären wir Schwaben Amerikaner, würden wir wesentlich mehr Aufhebens um unser Know-how und Können machen. Hier im Ländle werden einfach handwerkliche Fähigkeiten gepflegt. Das gilt auch für Regisseur Roland Emmerich, der es in Hollywood zu etwas gebracht hat, weil er sein filmisches Handwerk von der Pike auf gelernt hat und urschwäbischen Fleiß im Blut trägt.


Im Gegensatz zu vielen anderen in der Branche verwendet er seine Energie fürs MACHEN, nicht für selbstherrliche Eigeninszenierung. Arroganz ist wahrlich nicht seine Stärke – Gott sei Dank. Da ich ein riesiger Fan von filmischem Handwerk bin und Kinogiganten wie Steven Spielberg, Stanley Kubrick oder Alfred Hitchcock zu meinen absoluten Vorbildern zähle, war ich auch schon von Emmerichs frühen Filmen sehr begeistert. Was er in seinen frühen, hier in Baden-Württemberg gedrehten Filmen mit geringen Mitteln und großem Können zustande gebracht hat, nötigt einfach Respekt ab.

Was war für dich der bewegendste Moment bei den Dreharbeiten zu der Doku?

Der bewegendste Moment fand eigentlich erst nach der Fertigstellung meines Films statt – bei einem Press-Junket, das wir gemeinsam für MEISTER DER APOKALYPSE in München absolvierten. Wir konnten uns beim Dinner endlich einmal ganz privat, lange und ausführlich über „GLORY DAYS“ austauschen. Bei den meisten Begegnungen war dafür immer wenig Zeit, weil wir ja ständig am Arbeiten waren. Er drehte seine Filme, ich die Doku dazu.

Roland Emmerich musste viele Widerstände überwinden – wie spiegeln sich diese Kämpfe in seiner kreativen Arbeit wider und wie hast du das filmisch umgesetzt?

Ich habe versucht, nicht nur den großen Erfolg darzustellen, sondern auch den extrem schwierigen Weg dorthin. Deshalb war es mir wichtig zu zeigen, welchen Mut es für Roland erforderte, als er ganz frisch in Hollywood angekommen war, einem der damals erfolgreichsten Produzenten die Stirn zu bieten: Joel Silver (STIRB LANGSAM, LETHAL WEAPON).
Der wollte ihn für das Sylvester-Stallone-Spektakel ISOBAR engagieren, lehnte aber alles ab, was Emmerich vorschlug, und wollte seine eigene Story durchdrücken. Der Traumfabrik-Novize stieg schließlich aus dem Projekt aus – obwohl ihm gedroht wurde: „Du wirst nie wieder in dieser Stadt einen Job bekommen.“

“Wer von uns hat schon den Mut, seinem Chef direkt und unverblümt die Meinung zu sagen und zu riskieren, dass er entlassen wird?”

Es war mir sehr wichtig zu zeigen, dass dem schwäbischen Filmemacher nichts in den Schoß gefallen ist, sondern dass er hart – sehr hart – dafür gekämpft und gearbeitet hat. Gespiegelt wird das Ganze auch in seiner Arbeit: Seine frühen Hollywoodfilme waren dazu da, seine handwerklichen Fähigkeiten zu beweisen; später konnte er dann seine eigenen Visionen durchsetzen.

Wie bist du bei der Auswahl der Archivmaterialien und persönlichen Interviews vorgegangen, um ein authentisches Bild von Emmerich zu zeichnen?

Ich bin fast erstickt in den Bänderbergen. Es waren viele hundert Stunden über Jahrzehnte hinweg gedrehtes Material. Ich habe ganz klassisch gearbeitet: auf einem Board Karteikarten mit den jeweiligen Interviewcuts oder Szenen hin- und hergeschoben, immer wieder neu sortiert, um eine funktionierende Dramaturgie zu entwickeln.


Dazu kamen intensive Schneidetage mit meiner Cutterin Anna Mentele – inklusive heftiger Diskussionen. Unser Rohschnitt war 1 Stunde 45 Minuten lang. Die größte Herausforderung war, den Film auf eine Stunde zu kürzen. Das war wirklich hart!

Inwiefern unterscheidet sich dein filmischer Blick auf Emmerich von den üblichen Hollywood-Dokumentationen über Regisseure?

Ich wollte keine dokumentarische Lobeshymne produzieren, die kritiklos Heldentaten feiert. Ich wollte ein persönliches Porträt erstellen, das den Menschen Roland Emmerich in den Vordergrund rückt – mit all seinen Fähigkeiten, Vorlieben und auch Fehlern.

Wie reagieren Roland Emmerich und sein Umfeld auf diese sehr persönliche Darstellung seines Lebens?

Sehr positiv bis absolut begeistert. Ich habe von Emmerich eine persönliche Nachricht an seinem 70. Geburtstag bekommen – darüber habe ich mich unglaublich gefreut.

Die Doku bietet außergewöhnliche Einblicke in Emmerichs Privatleben und Arbeitsalltag. Wie hast du sein Vertrauen gewonnen, solch persönliche Momente einfangen zu dürfen?

Ich halte sehr viel von Oldschool-Begriffen wie Anstand und Vertrauen. Ich bin mir meiner Verantwortung als Dokumentarfilmer sehr bewusst: Ich dringe tief in das Leben anderer Menschen ein, die sich mir öffnen. Das erfordert Fingerspitzengefühl, Empathie und Sensibilität.

Das Vertrauen zwischen Emmerich und mir ist über die Jahre ganz natürlich gewachsen. Interessant ist: Er hat sich nie in meine Arbeit eingemischt – weder bei der Biografie, die ich über ihn geschrieben habe, noch bei den vielen Dokus über ihn oder seine Filme. Vertrauen gegen Vertrauen.

Was hoffst du, dass die Zuschauer*innen nach dem Sehen deiner Doku mitnehmen – besonders diejenigen, die seine Blockbuster kennen?

Dass sie erkennen, dass hinter großem Erfolg in der Glitzerwelt des Films oft harte Arbeit steckt. Und dass ein Erfolgsregisseur wie Roland Emmerich eben auch ein Mensch mit vielen Facetten ist.

Nach über 30 Jahren Arbeit an deinem Film und einer umjubelten Premiere im Haus der Geschichte Baden-Württemberg: Wie hast du diesen Moment erlebt?

Da die Reaktion des Publikums so überaus positiv war, bin ich erleichtert. Ich genieße einen kurzen Moment der Zufriedenheit – denke aber bereits wieder über neue Projekte nach. Man darf nicht aus der Übung kommen!

Was bedeutet dir dieser persönliche „Rollercoaster Ride“ – und welche Rolle spielten Wegbegleiter und Unterstützer dabei, dieses ambitionierte Projekt zu realisieren?

Es war absolut erstaunlich, dass alle im Umfeld von Emmerich mich unterstützt haben und von dem Projekt begeistert waren. Leider konnte ich nur wenige Wegbegleiter im Film unterbringen. Die positiven Reaktionen aus Emmerichs Umfeld haben mir aber gezeigt, dass er bei Menschen, denen er begegnet ist oder mit denen er gearbeitet hat, nachhaltig gute Gefühle und Geschichten hinterlässt. Er ist einfach ein außergewöhnlicher und gleichzeitig sehr netter Mensch.

P.S. SSSST! Die außergewöhnlich gute Doku „Meister der Apokalypse – Roland Emmerich“ läuft am Donnerstag, 15.01.2026, um 23:35 Uhr im SWR Fernsehen. Unbedingt einschalten! Wer nicht so lange warten kann, checkt die ARD-Mediathek!
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