AUTOMATENRESTAURANTS IN STUTTGART UM 1900
Stuttgart probiert 1898 das Essen per Knopfdruck – doch das erste Automatenrestaurant floppt. Trotz Prinz, Pomp und dem Charme der Belle Époque wird aus der Gastro-Revolution ein „Fail-Fast“, aber damit war die Geschichte der Automatenrestaurants in Stuttgart nicht wirklich beendet.
„Fail-Fast“ – das erste Automatenrestaurant in Stuttgart
Am 18. Februar 1898 wird in der Königstraße 58 das erste Automatenrestaurant Stuttgarts eröffnet. Ein Zeitsprung in die Moderne. Knopfdruck statt Kellner. 24 Automaten in schönstem Jugendstil stehen hier dem Publikum zur Verfügung, und gegen Einwurf eines Nickels werden Speisen und Getränke angeboten. Das Restaurant ist von gehobener Eleganz und eine Sehenswürdigkeit der Residenzstadt. Marketingtechnisch macht die Tivolibrauerei aus heutiger Sicht alles richtig, influencermäßig lädt man den Prinz von Weimar zur Eröffnung ein und feiert so mit Promi-Faktor die Premiere in Stuttgart. Kritisch fragt man sich in der örtlichen Presseberichterstattung bereits zu diesem Zeitpunkt, ob „eine Stehbierhalle auf die Dauer dem Geschmack des Stuttgarter Publikums zusagt“? (Nürtinger Tagblatt Nr. 40, 18.02.1898)
Bereits am 13. August 1898 schreibt die „Feuerbacher Zeitung“ von einem totgeborenen Unternehmen, „welches nur in den ersten Wochen des Beginns seinen Reiz der Neugierde wegen ausübte“. Am 19. September 1898 verabschiedet sich Restaurateur Behrmann nach München und der „Filderbote“ wünscht ihm dort bessere Geschäfte als im Stuttgarter Automatenrestaurant. Ganz nüchtern heißt es im Artikel: „Stuttgart ist eben noch nicht Großstadt“. (Filderbote, Nr. 218, 19.09.1898)
Euphorische Gründungswelle
Als Event hat das Automatenrestaurant funktioniert. Auf der Berliner Gewerbeausstellung 1896 hat die Deutsche Automaten Gesellschaft Stollwerck und Co einen Automatenpavillon eingerichtet. Erstmalig weltweit konnte man aus Automaten Getränke und Speisen erhalten. Der Erfolgsschlager der Ausstellung führt zur ersten Gründung eines regulären Automatenrestaurants in der Leipziger Straße in Berlin. Das Stuttgarter Restaurant gehört zu dieser ersten euphorischen Gründungswelle. Warum scheitert es? Gehört es doch zum Habitus bürgerlicher oder adliger Schichten jener Zeit, bedient zu werden? Wer konnte funktional Interesse an einem Selbstbedienungsrestaurant haben? Das Konzept Selbstbedienung steht für Schnelligkeit und einen günstigeren Preis durch Einsparung beim Servicepersonal. Wie viele arbeitende Menschen, die für eine Mittagspause nicht nach Hause gehen konnten, gab es kurz vor der Jahrhundertwende in der Mitte der Stadt? Und waren die Preise für diese Gruppe akzeptabel? Eine Marktanalyse unter diesen Aspekten hätte hier 1898 vermutlich von der Gründung eines Automatenrestaurants abgeraten.
Stuttgarter Automatenrestaurants
Erst deutlich nach der Jahrhundertwende erleben Automatenrestaurants in Stuttgart wieder ein Comeback. Häufig werden jetzt klassische Gaststuben oder Restaurants um Automatenrestaurants ergänzt und auch bei der Auswahl der Standorte scheinen sich zentrale, hoch frequentierte Plätze durchzusetzen. Die „Schwäbischen Tagwacht“ macht sich über den neuen „Königsautomaten“ lustig: „Automatenrestaurants und Kinos schießen in Stuttgart wie Pilze aus dem Boden. Der neueste Automat wird morgen Ecke Marien- Rotebühlstraße eröffnet. Dessen Inneneinrichtung verspricht gediegen zu werden. Das Unternehmen das zweifellos eine sehr günstige Lage besitzt führt den Namen Königsautomat. Ohne eine mehr oder weniger byzantinisch klingende Firmierung geht‘s ja bei den modernen Gründungen kaum mehr ab. Stuttgart hat jetzt einen Königsbau-, einen Olga-, einen Wilhelms-, Eberhards- und bald auch Kaiserbau, es besitzt schon einen Charlottenautomat und kriegt nun seinen Königsautomaten.“ (Schwäbische Tagwacht, Nr. 119, 24.5.1912)
Charlottenautomat 1915, Charlottenstr. 8
In der Charlottenstraße 8 eröffnet der Charlottenautomat. Hier wird die tradierte Weinstube um ein Automatenrestaurant erweitert. Im Jahr 1906 entsteht der Residenzautomat an der Friedrichstraße/Ecke Schloßstraße, ausgestattet mit den Automaten der deutschen Firma Quisisana.

Stadtarchiv Stuttgart Residenzautomat, Postkartensammlung 9450 A 73_001
Auch die Stadtverwaltung gibt sich fortschrittlich. Im Büchsenbad wird 1911 „an Stelle des bisherigen Wirtschaftsbetriebes ein Automatenrestaurant neuesten Standes eingerichtet. Die Außenwände der Apparate sind ganz mit Marmor verkleidet. Die Mosaikeinlage, Spiegel, Holz und Metallarbeiten passen sich dem maurischen Stil der Vorhalle an. Die neue Anlage wird am 16. Februar dem Betrieb übergeben“. (Chronik der Stadt Stuttgart 1912, S. 44)

Anzeige für den „Schwimmbad-Automaten“, in: Schwäbischer Merkur, Nr. 531, 14.11.1911
Und noch mehr Automaten
Ein weiteres Automatenrestaurant bestand seit dem 1. November 1912 am Hauptbahnhof. Die „Feuerbacher Zeitung“ berichtet, dass zur Eröffnung des Bahnhofsautomaten, der sich im Bereich des Wartesaals der 3. und 4. Klasse befand, der Präsident der Generaldirektion der Württembergischen Eisenbahnen Karl von Stieler als Ehrengast anwesend war. (Feuerbacher Zeitung, Nr. 258, 4. November 1912)
Automatenrestaurants eröffneten am Postplatz und im Kaiserbau (1912), sowie am Marienplatz. Und wie immer wurden die Neuerungen auf vielfältige Weise kritisch betrachtet. Man sah den Jugendschutz als gefährdet, denn Jugendlichen war es leichter möglich ohne Erwachsene an Alkohol zu kommen. Andere wiederum monierten, dass die Automatenrestaurants nicht „couleurfähig“ seien, also für Studentenverbindungen nicht geeignet, weil man schlicht nicht anschreiben konnte. Auch in den zeitgenössischen Zeitungsromanen tauchen Automatenrestaurants als Location auf. Sie illustrieren hier eine urbane Welt, in der Tristesse und Einsamkeit das städtische Ambiente wenig glamourös zeigen.
Der Automat schließt
Die Idee des Automatenrestaurants setzt sich, so scheint es, weniger in Deutschland, als in den USA durch. Hier greift man die Idee – ausgehend von der deutschen Erfindung 1912 – auf und mit Horn und Hardarts Automats wird ein Unternehmen gegründet, dessen letztes Restaurant 1991 schließt. In Deutschland kommen Automatenrestaurants spätestens mit dem Aufkommen der Inflation in den 1920er Jahren in die Krise. Automatenrestaurants setzen stabile Preise voraus. Das Bezahlsystem mit seinen mechanischen Münzprüfern ist ein vergleichsweise starres System, das schnell wechselnde Preise nicht abbilden kann.
1934 wurde mit dem „Warenautomatengesetz“ das Aufstellen von Automaten ohne Verbindung zu einer „regulären“ Verkaufsstelle verboten. Reine Automatenrestaurants waren damit faktisch verboten. Restaurants mit Automaten gibt es in Restaurants Stuttgart dennoch weiterhin. In den Schnellgaststätten der Firma Dörr kann man auch in den 1940er Jahren noch sein belegtes Brötchen aus einem Automaten ziehen und häufig führen diese Gaststätten das Wort „Automat“ weiterhin im Namen. Aber die große Zeit der Automatenrestaurants ist erst einmal vorbei.


