NEUE PERSPEKTIVEN AUF STUTTGART
In unserer Rubrik „Blickwinkel“ kommen Stuttgarter*innen aus unterschiedlichsten Bereichen – Politik, Kultur, Wirtschaft oder Bildung – zu Wort. Wir möchten zeigen, wie vielfältig, inspirierend und manchmal auch herausfordernd das Leben in Stuttgart sein kann.
Dieses Mal haben wir uns für Peter Stockinger, den Architekten des modernen Radios entschieden. Peter Stockinger, geboren 1938 in Stuttgart, ist eine prägende Figur des deutschen Rundfunks. Als langjähriger Programmchef der Popwelle SWF3 (1975–1998) revolutionierte er das Radio mit innovativen Formaten und einem Gespür für Talente. Unter seiner Leitung wurde SWF3 zu einem der erfolgreichsten Radioprogramme Deutschlands, das weit über die Grenzen Baden-Württembergs hinaus bekannt war. Peter Stockinger entdeckte und förderte Persönlichkeiten wie Frank Plasberg, Claus Kleber und Christine Westermann. Für sein Lebenswerk wurde er 2013 mit dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet.
In unserem Interview spricht Peter Stockinger über seine Heimatstadt, seine Radiokarriere und seine Sicht auf den Wandel der Medienlandschaft.
Stuttgart in drei Worten?
Liebenswert, lebenswert, unterschätzt.
Was wäre aus Stuttgart nicht wegzudenken und warum?
Die Hügellandschaft und das Alte Schloss sind für mich untrennbar mit Stuttgart verbunden. Keine andere Großstadt ist so wundervoll eingebettet zwischen Wald und Reben. Leider haben geschichtsvergessene Stadtverwaltungen nur den Kern der Baugeschichte unserer Stadt übriggelassen.
Wie kann man die/den typischen Stuttgarter*in beschreiben? Was sind ihre/seine Bedürfnisse?
Den typischen Stuttgarter gibt es nicht mehr. Die einstigen ‘Bruddler’ sind einer erfreulichen Vielfalt aufgeschlossener Menschen gewichen. Die Stuttgarter*innen brauchen auch in der Stadtverwaltung größere Karos, um endlich auch äußerlich die liberale, großzügige Stadt zu bekommen, die ihren sympathischen Bürgern angemessen ist.
Wo macht Stuttgart einen guten Job, wo gibt es noch Handlungsbedarf?
Das System des öffentlichen Nahverkehrs ist auch im internationalen Vergleich vorbildlich. Handlungsbedarf gibt es bei kreativen, originellen Lösungen für verschleppte Probleme. Ein Beispiel ist die Opernrenovierung: In Paris wurde das historische Opernhaus restauriert und für Ballett genutzt, während ein neues Opernhaus gebaut wurde. In Stuttgart plant man radikale Eingriffe in den Littmannbau für immer weiter wachsende Milliardenkosten.
Einen Vorschlag hätte ich noch an die Stadt Stuttgart: Auf dem Modell für das Stuttgarter Rathaus haben die Architekten neben dem Haupteingang ein Standbild des Stuttgarter Rössles gestellt. Das Podest blieb aber bis heute ungenutzt oder mit lächerlichen Blumenkästen spießig missbraucht. Deshalb schrieb ich an OB Nopper einen Brief mit dem Vorschlag, an dieser Stelle ein Standbild von „Äffle und Pferdle“ aufzustellen. Eine Bürgerstiftung könnte dieses von Millionen heißgeliebte Stuttgarter Symbol finanzieren. 2000€ habe ich schon als erste Spende zugesagt. Das Büro von Dr. Nopper versprach die Prüfung meines Vorschlags. Ich warte noch auf Rückmeldung. Dass sich Prominente gerne mit „Äffle und Pferdle“ schmücken und fotografieren lassen, zeigte sich schon bei der Inbetriebnahme der Äffle-Pferdle-Ampel am Hauptbahnhof: Verkehrsminister, Landtagspräsidentin, Oberbürgermeister, Intendant und Landtagsabgeortnete kamen zum Pressetermin. Und beim DFB-Pokalfinale machte im Olympiastadion die VfB-Kurve die Sympathieträger bundesweit bekannt.
Sie haben SWF3 über Jahrzehnte geprägt. Welche Haltung oder Idee hat Sie dabei geleitet?
Ich wollte nach dem Vorbild der BBC ein öffentlich-rechtliches Pop-Programm machen, das dem Lebensgefühl und den Interessen junger Zielgruppen angemessen war, keine Spur der Reichsrundfunkzeit zuließ und dabei die Intelligenz und die ethische Haltung der Rock- und Popkultur ausdrückte.
Was war Ihnen bei der Entwicklung von Formaten und Talenten besonders wichtig?
Selbstbewusstsein, Kreativität, Originalität, Angstfreiheit.
Viele heutige Medien wirken laut, schnell, oft beliebig – fehlt dem Journalismus heute etwas, das früher selbstverständlich war?
Auch früher war nichts selbstverständlich. Immer war die Unterscheidung von Machern und Merkern wesentlich. Staatsferne wäre der Grundpfeiler des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die Vermischung von Aktivismus und Journalismus ist Todsünde. Besinnung auf das Wesentliche wäre Ausweg aus dem Wirrwarr.
Wenn Sie auf die Radiolandschaft heute blicken – wo sehen Sie Fortschritt, wo Verflachung?
Fortschritt bieten die schier unendlichen Möglichkeiten der Erschließung von Quellen und Fakten in der Information und der direkte Zugriff auf Millionen von Musiktiteln. Daraus kann man ein spannendes Radioprogramm machen. Fassungslos macht mich, mit wie wenig Qualität sich Radiomacher und Hörer oft zufriedengeben. Der Sendetag ist wie eine eintönige Tapete, die niemanden überrascht oder aufregt.
Wie beurteilen Sie die Rolle von Stuttgart als Medienstandort – früher und heute?
Stuttgart war die Stadt mit den meisten und bedeutendsten Verlagen in Deutschland. Der zentrale Standort des SWR ist heute der Kern unzähliger Möglichkeiten für die Entwicklung beispielgebender Innovation in den digitalen Medien. Und an der Hochschule der Medien kann Grundsätzliches erforscht und entdeckt werden, das in der Entwicklung von Staat und Gesellschaft prägend sein kann.
Sie leben im Stuttgarter Osten. Was schätzen Sie an diesem Stadtteil, was hat sich verändert?
Ich stamme von der Gänsheide und wohne jetzt auf dem Frauenkopf, zwei unvergleichlich schöne Stadtteile, die alle Vorteile Stuttgarts an sich haben – Natur und Stadtlandschaft. Aber ich mag auch Ostheim mit seiner einmaligen Architektur und Gablenberg, das mir seit der Kinderzeit heimelig ist. Was ich vermisse: Den Herrn König vor dem ‘Stadtpalais’. Das Standbild des Bürgerkönigs Wilhelm II haben ideologisch verblendete Banausen an die Rückseite in den Schatten abgestellt. Armes Stuttgart, kein Stadtrat und kein Bürgermeister will den Herrn König wieder aus der Abstellkammer holen!
Wie gehen Sie persönlich mit dem Wandel in der Mediennutzung um – Podcasts, Algorithmen, TikTok?
Das hätten Sie mich auch schon 1995 fragen können. Wir haben bei SWF3 Anfang der neunziger Jahre eine Online-Redaktion und ein Onlineprogramm aufgebaut, als es noch kein WWW gab. Damals nutzten wir die verschiedenen Netze u. a. der Uni Karlsruhe. Das war in Deutschland so einmalig, dass Bill Gates zu Besuch in die SWF3-Redaktion kam. Also bin ich dabei geblieben und nutze die meisten Möglichkeiten digitaler Medien. Allerdings konzentriere ich mich immer mehr auf das Wesentliche und habe mich von einigen Plattformen verabschiedet. Auch bei den Podcasts habe ich die Flut von Geschwafel, Geplapper und Unerheblichkeit gestoppt.
Welche mediale Entwicklung der letzten Jahre betrachten Sie mit Sorge?
Mit Sorge beobachte ich den Verlust des journalistischen Ethos, das die wichtigen Persönlichkeiten und Medien früher geprägt hat: Mit dem Grundsatz ‘Sagen, was ist’ steuerte Rudolf Augstein den Spiegel als unentbehrlichen Geburtshelfer unseres Staates durch schwierige Zeiten. Ebenso war mit der Gründung der ersten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt in Deutschland durch Sir Carlton Greene 1945 die Staatsferne das Grundgesetz.
Sie haben viele Persönlichkeiten geprägt. Was würden Sie jungen Journalist*innen heute mitgeben?
Sei selbstbewusst, selbstkritisch und ohne Angst!
Was bedeutet für Sie Haltung in der Medienarbeit – und gibt es Momente, in denen Sie diese Haltung besonders verteidigen mussten?
Mit den Aufsichtsgremien, Rundfunkrat, Hörfunkausschuss hatte ich oft zu tun. Ich habe das aber nicht wehleidig beklagt, sondern als selbstverständliche Auseinandersetzung erlebt. Ideologische Anmaßungen konnten wir durch belegbar gute Arbeit abwehren. Eigene Fehler haben wir selbstkritisch eingestanden und nicht aus Prinzip verteidigt.
Haben Sie einen persönlichen Ort oder Geheimtipp in Stuttgart, der Ihnen besonders am Herzen liegt?
Die Aussichtsplattform unterhalb der Villa Reitzenstein an der Richard-Wagner-Straße (eigentlich Heinrich-Heine-Straße). Hierher ging ich aus dem Luftschutzstollen als Fünfjähriger mit Mutter und Tanten nach den Bombenangriffen und sah die Stadt unter uns brennen. Und von hier habe ich über die Jahrzehnte immer wieder die Veränderung meines geliebten Stuggis überblickt.
Peter Stockinger bleibt eine prägende Stimme – nicht nur für den Rundfunk, sondern auch für das kulturelle Selbstverständnis Stuttgarts. Sein Blick auf die Stadt und die Medienwelt ist kritisch, liebevoll und voller Haltung – genau das, was man von einem echten Stuttgarter erwarten darf.


