In zwei Wochen ist Weihnachten – eine Zeit, die uns oft ganz schön fordert. Zwischen Trubel, Erwartungen und vollen Kalendern vergessen wir manchmal, zur Ruhe zu kommen. Dabei ist gerade jetzt der Moment, in dem wir uns auf das besinnen, was uns wirklich Halt gibt: Familie.
Doch Familie bedeutet für jede*n etwas anderes. Für manche ist sie selbstverständlich, für andere schmerzhaft abwesend. Und manchmal sind es gerade Freundschaften, Wahlverwandtschaften oder Menschen, die uns durchs Leben begleiten, die sich mehr nach Familie anfühlen als alles andere.
Wir haben ein paar spannende Stuttgarter Gesichter getroffen. Sie alle haben uns ihre ganz persönliche Antwort auf die Frage gegeben:
„Was bedeutet Familie für dich?”
Das Ergebnis: ein bunter Strauß an Geschichten, Gedanken und Gefühlen, die zeigen, dass Familie so vielfältig ist wie die Menschen unserer Stadt.
Familie Blanco
Gastro-Geschwister
David (43): Familie bedeutet für mich blindes Vertrauen. Ich kann mich auf meine Familie absolut verlassen, egal um was es geht. Wir arbeiten zusammen und lernen voneinander, denn jeder hat seine Kompetenzen. Und wenn der Schuh mal drückt, können wir immer über alles reden.
Juan (53): Wenn ich an Familie denke, dann denke ich an Zusammenhalt, Vertrauen und Geborgenheit. Und dass ich mich immer darauf verlassen kann, dass die anderen für mich da sind. Wir drei arbeiten schon seit knapp 30 Jahren zusammen und haben auch noch vor die nächsten 20 Jahre zusammenzuarbeiten. Unsere Basis ist immer das Vertrauen.
Sonia (56): Wo meine Familie ist, bin ich zu Hause. Obwohl wir drei verschieden sind, fühle ich mich hier immer geborgen, geliebt und verstanden. Wir sind immer füreinander da.

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Tiemo Hauer (35)

Musiker, Songwriter und Produzent
Familie ist für mich die Definition unbedingter Liebe. Das Gefühl immer willkommen zu sein, sich bei einem oder mehreren Menschen zuhause zu fühlen, völlig unabhängig von Ort und Zeit. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Verbindung biologisch ist. Die Redewendung: „Familie kann man sich nicht aussuchen“ halte ich für Unsinn. Freundschaften können Familie sein, Partner*innen können Familie sein. Die Menschen, bei denen wir hundertprozentig wir selbst sein können, sind unsere Familie.
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Emily Island (34)
Drag-Queen und Visual Artist
Familie ist für mich kein reines Blutsband. Familie ist nicht automatisch gegeben – sie wird gelebt, gespürt oder auch gewählt. Ich bin QUEER. Ich bin DragQueen. Ich lebe mit meinem Partner ein Leben, das für manche immer noch unbequem und „nicht normal“ ist, weil es frei ist. Weil es sichtbar ist. Weil es sich nicht entschuldigt.
Meine biologische Familie bedeutet mir viel. Sie hat mir Liebe, Wurzeln und ein Zuhause gegeben. Doch ich weiß auch: Nicht jede queere Person hat dieses Glück. Viele von uns werden abgelehnt, verstoßen, gebrochen – nur, weil wir sind, wie wir sind. Genau deshalb ist meine “Chosen Family” so bedeutsam. Uns verbindet keine DNA – sondern Solidarität, gelebte Vielfalt, gegenseitige Fürsorge und der unerschütterliche Wille, füreinander da zu sein in einer Welt, die uns oft spalten will. In queeren Räumen habe ich gelernt, dass Familie das ist, was man sich aufbaut, wenn die Welt draußen kalt wird. Unsere Familien sind radikal, weil sie heilen. Weil sie stärken. Weil sie bedingungslos lieben.

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Anina (24)
Musikerin und Filmemacherin
Meinen ersten Song hab ich zusammen mit meinem Vater geschrieben, der hieß „Gute Nacht, kleiner Teddybär“. Ich glaube, wenn ich meine Familie nicht hätte, würde ich auch keine Musik machen. Bei Geburtstagen oder Familienfesten hab ich immer gesungen, mein Opa und mein Vater auch. Und auch jetzt könnte ich das alles ohne den Support von meiner Familie nie machen. Mittlerweile kann ich sogar meinem Vater etwas zurückgeben und ihm zum Beispiel bei Videos helfen. Wir unterstützen uns auch emotional. Denn Zweifel haben wir alle.

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Simon Zachenhuber (27)
Boxer
Der Sport hat in meiner Familie einen hohen Stellenwert. Meine Familie verfolgt meine Karriere aus der ersten Reihe und unterstützt mich sehr. Das gibt mir Kraft, Sicherheit und Rückhalt. Ich weiß, dass sie mir nicht nur im Ring, sondern in jeder Lebenssituation zur Seite stehen wird. Doch muss Familie auch nicht immer Blutsverwandtschaft bedeuten. Meine Familie sind die Menschen, die mir am nächsten stehen.

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Torsten Poggenpohl (45)
Kolumnist
Mein Herz ist prall gefüllt, mit wohligen Erinnerungen an eine Kindheit mit meinen Geschwistern, Eltern und Großeltern. Und zugleich unterliegt das Leben mit all seinen Beziehungen stetigem Wandel. Mein Coming Out 2003 zerstörte zwar nicht völlig die familiäre Bande, aber es ist nicht einfach, wenn auf das mutige „Ich bin schwul.“ das provinzielle „Oh Gott, was sollen die Nachbarn sagen?“ trifft. Am coolsten reagierte meine damals über 80jährige Oma, die von einem „Kessel Buntes“ sprach. Ihr Esszimmertisch und ihr Biedermeier-Bücherschrank verströmen noch heute ihre bedingungsglose Liebe in meiner Wohnung. Neben der Familie knüpft man sich eine soziale Hängematte aus Freundschaften – manche begleiten mich seit über 30 Jahren, andere haben nur ein intensives Kurzstreckenticket gelöst. Aber auch das ist in Ordnung: Jeder möge sein Leben verwirklichen. Was ich im Laufe der letzten 45 Jahre gelernt habe: Die eigene mentale Stabilität steht an erster Stelle – auch Familie muss man nicht jederzeit oder überhaupt ertragen. Und zugleich kann ich sagen: In den 22 Jahren seit meinem Outing haben wir uns immer um einander bemüht, nicht losgelassen, manches Mal wurde die Quantität eingeschränkt, um die Qualität zurückzuerhalten.



