RELEASE STUTTGART

BERATUNG UND HILFE BEI SUCHT- UND DROGENTHEMEN

Was 1971 als Selbsthilfeorganisation von Betroffenen gegründet wurde, ist heute eine professionelle Einrichtung mit einem breiten Spektrum an Präventions- und Hilfsangeboten für Menschen mit einem problematischen oder abhängigen Konsumverhalten. Davon gibt es nämlich (leider) eine ganze Menge.

Informieren, Beraten und Helfen bei Sucht- und Drogenthemen

Coronabedingt haben wir in den letzten eineinhalb Jahren so viel Abstand wie noch nie gehalten. Persönliche Begegnungen sollten weitestgehend vermieden werden – „Social distancing“ war das Gebot der Stunde. Das Internet hat sich mit all seinen Vorteilen und Möglichkeiten als einzige Möglichkeit angeboten, mit der Familie, Freunden oder Kollegen in Kontakt zu bleiben. In Kombination mit Homeoffice, Veranstaltungen im virtuellen Raum und (wenn wir mal ganz ehrlich sind) einer Menge Langeweile durch das Fehlen von Kultur- und Freizeitbeschäftigungen ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass unsere Bildschirmzeiten durch die Pandemie maßgeblich zugenommen haben. 

Über die sozialen Medien und Aktionen wie #stayhome, #flattenthecurve oder #wirbleibenzuhause haben wir während der schier nie enden wollenden Corona-Zeit den Zusammenhalt gepflegt, Nachbarschaftsaktionen verbreitet und uns gegenseitig zu sozialer Verantwortung angehalten. Das war toll, keine Frage! Was viele dadurch aber vergessen oder sogar verlernt haben: Einfach mal Abschalten! Ob es das Gefühl, etwas zu verpassen (Stichwort FOMO: Fear Of Missin Out) und nicht auf dem Laufenden zu sein ist oder der Wunsch, der tristen (Corona-)Realität zu entfliehen – die Hintergründe sind vielfältig und von Betroffenem zu Betroffenem anders.

Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat es lange vor der Handysucht auf den Punkt gebracht: Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave. Viele Influencer nehmen uns 24/7 in ihren Alltag mit und posten in unzähligen Insta-Storys, was sie heute alles schon erledigt haben. Oftmals spiegeln sie uns ein verfälschtes Bild von sich und ihrem Leben wider. Egomanie, Überschätzung des eigenen Selbst, befremdlicher übertriebener „Humor“ – Man fragt sich manchmal schon, welche Pilze sich so manche morgens ins Müsli bröseln!

Damit sich der schöne Schein nicht negativ auf unseren Selbstwert oder die eigene Zufriedenheit auswirkt, sollten wir uns regelmäßig daran erinnern, dass sich Influencer auf Instagram, TikTok, YouTube und Co. nur von ihrer besten Seite zeigen. Die Bild- oder Videoausschnitte in diesen Apps entsprechen nicht immer der Realität. Sie sind bewusst gewählt und zeigen meist nur die Crème de la Crème des Lebens. Im Endeffekt wissen wir nicht, wie es in dem Menschen hinter der Story, dem Post oder Videoclip aussieht. Welche Sorgen, Unsicherheiten, Verletzungen, Ängste oder Zweifel sie womöglich haben. Erfreulicherweise gibt es tatsächlich auch Ausnahmen. Sogenannte Sinnfluencer behandeln auf ihren Plattformen Themen wie Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein, Feminismus, Veganismus oder plastikfreies Leben und stehen Massenkonsum meist kritisch gegenüber. Wir finden: mehr davon! Mehr sinnhaltige Themen, weniger stupide Ich-Vermarktung!

Anerkennung und Wertschätzung von der Familie, Freunden oder Kollegen lassen sich nun mal nicht durch Likes von größtenteils fremden Followern ersetzen. Das Leben findet abseits des Bildschirms statt und sollte bei jedem von uns immer an oberster Stelle stehen. Hinzu kommt: Die Energie fließt, wohin die Aufmerksamkeit geht. Jeder Tag ist wie ein kleines Leben und sollte bestmöglich genutzt werden. Wer den Großteil des Tages in sozialen Netzwerken unterwegs ist, ist permanent im Außen und verpasst die Freuden des eigenen Lebens. 

Allein in Deutschland sind schätzungsweise zwischen 560.000 und 2,5 Millionen Menschen onlineabhängig. Die Datenlage ist schwach, weil der Grat zwischen einer normalen und einer problematischen Internetnutzung äußerst schmal ist. Der Maßstab von Friedrich Nietzsche reicht natürlich nicht aus, um festzustellen, ob eine Abhängigkeit vorliegt. Nichtsdestotrotz kann das Zitat zum Nachdenken anregen und dazu führen, dass wir anfangen, unser Konsumverhalten kritisch zu hinterfragen. 

Auf der Website der release netzpause findet ihr einen kostenlosen Selbsttest, der eine erste Einschätzung zum eigenen Internetkonsum abgibt. Zudem finden Betroffene dort umfassende Präventions- und Hilfsangebote wie eine anonyme Onlineberatung. Auch telefonisch oder vor Ort findet man passgenaue Unterstützung. Das Ziel? Individuelle Lösungen, die sich in den Alltag der Betroffenen integrieren lassen und die Abhängigkeit langfristig auflösen können. Und nein, man muss nicht jeden Tag wissen, was Influencerin XY zum Frühstück hatte! Statt FOMO bevorzugen wir JOMO (Joy of Missing Out) – die Freude am Verpassen!

P.S.SSSST! Weil eine Suchterkrankung auch für die Familie sehr belastend sein kann, steht release Stuttgart e. V. auch Angehörigen beratend zur Seite.

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