ZWEI STUTTGARTER ZWISCHEN KESSEL UND KOMPASS
Ihr kennt sie vielleicht noch aus wilden Nächten im Fou Fou oder von herzlichen Begegnungen rund ums Bohnenviertel – Steffen und Marcel Witz haben Stuttgart mitgeprägt, bevor sie beschlossen haben, die Gastro-Tür hinter sich zu schließen und eine neue aufzustoßen: die zur Kajüte.
Heute leben die beiden auf einem Segelboot in der Ägäis, bieten Chartertouren an und nehmen dabei nicht nur Gäste mit an Bord, sondern auch jede Menge Lebenserfahrung, Mut und Leichtigkeit.

In diesem Interview erzählen sie, was Stuttgart für sie bedeutet, warum es manchmal mehr Mut braucht, loszulassen als festzuhalten – und wie man sich selbst auf hoher See (neu) begegnen kann.
Zwischen Wellen, Weitblick und Wurzeln in der Heimat, zeigen uns die beiden, dass echtes Ankommen manchmal mit dem Ablegen beginnt. Also schnappt euch einen eisgekühlten Drink, lehnt euch zurück – und segelt mit uns gedanklich ein Stück mit: vom Eugensplatz bis Kos, von der Kesselperspektive bis zum Horizont.
Was bedeutet Stuttgart für euch ganz persönlich?
Stuttgart war für uns nie bloß ein Ort auf der Landkarte – es war ein Zuhause, das uns geprägt hat. Eine Kulisse für Ideen, für Irrwege, für Erfolge. Steffen war oft in der Welt unterwegs, doch am Ende führten ihn die Wege immer wieder zurück – nicht aus Pflicht, sondern aus Zuneigung. Hier haben wir gelernt, loszulassen und zu landen. Hier haben wir uns selbst erlaubt, zu wachsen.
Gibt es bestimmte Orte, Ecken oder Momente in Stuttgart, die euch besonders ans Herz gewachsen sind (außer der Fou Fou Bar)?
Unbedingt. Da ist zum Beispiel das Café Herbert’z – morgens ein Kaffee, die Stadt noch halb verschlafen, aber voller Möglichkeiten. Das Bohnenviertel, das uns mit seinem eigenen Rhythmus vertraut wurde. Und die Abende am Eugensplatz, wenn über den Dächern die Stadt leise zur Ruhe kommt. Doch es sind vor allem die Menschen – ein Netzwerk aus großartigen Freunden – das Stuttgart für uns besonders macht.
Was vermisst ihr an Stuttgart am meisten – und was vielleicht eher nicht?
Wir vermissen die Begegnungen, die Spontaneität, den Austausch, der manchmal zwischen zwei Stufen auf dem Gehweg passiert. Stuttgart ist grün, vielseitig, voller Ideen – aber auch ein Ort, der von vielen als Bühne begriffen wird, auf der man ständig liefern muss. Das Getriebensein – das vermissen wir eher nicht.
Wie kam es zur Entscheidung, die Gastro hinter euch zu lassen?
Nach fünf intensiven Jahren in der Gastronomie spürte Steffen, dass es Zeit war für etwas Neues. Ein inneres Kribbeln, das sich nicht mehr ignorieren ließ. Marcel hatte den Mut, diesen Weg mitzugehen – nicht, weil es leicht war, sondern weil es sich richtig anfühlte. Es war keine spontane Flucht, sondern ein bewusstes Umsteigen. Die Neugier war größer als die Angst.




Gab es einen Schlüsselmoment, der alles verändert hat?
Nicht einen einzigen. Es war eher eine leise Erosion – das Gefühl, dass das, was man tut, nicht mehr in gleichem Maß geschätzt wird. Vielleicht waren wir auch müde, vielleicht die Gäste. Manchmal wächst man leise aus einem Kapitel heraus. Und dann beginnt man ein neues – ohne Drama, aber mit Aufbruch.
Warum der Weg aufs Meer?
Unser Zuhause ist kein Katamaran, sondern ein klassisches Segelboot – ein Ort der Reduktion, der Klarheit. Das Meer ist für uns nicht bloß ein Horizont, sondern ein Spiegel. Der Minimalismus an Bord ist kein Verzicht, sondern eine bewusste Entscheidung. Alles, was zählt, passt in dieses Leben – und was nicht hineinpasst, ist vielleicht auch nicht so wichtig.

Welche Träume und Sehnsüchte stecken hinter eurer Entscheidung?
Am Anfang stand der Wunsch, einfach mal auszusteigen. Ein Jahr, vielleicht zwei – Pause drücken. Aber mit der Ruhe kam die Idee, zu teilen, was wir leben. Das Chartergeschäft entstand nicht aus Kalkül, sondern aus Begegnung. Heute nehmen wir Menschen mit – nicht nur an Bord, sondern auch ein Stück mit in unsere Welt. Ein Austausch, der uns bereichert.
Eher Abenteuer oder Entschleunigung – was beschreibt euer Leben besser?
Vielleicht ist es das Abenteuer der Entschleunigung. Unser Alltag hat Struktur – aber sie ist organisch. Wir feiern Feste am Strand, erleben Stille in einsamen Buchten, finden einen Rhythmus, der sich nicht am Kalender orientiert, sondern am Wind.
Wo seid ihr jetzt – und was bietet ihr an?
Unser Heimathafen ist aktuell die Insel Kos – von hier aus segeln wir mit unseren Gästen durch den Dodekanes. Türkisblaues Wasser, spontane Entdeckungen, ehrliche Küche, echte Gastfreundschaft. Unsere Reisen sind keine Kreuzfahrten – sie sind gelebte Tage, zum Innehalten, Durchatmen, Kraft schöpfen.

Dive and Fun!

Wie sieht ein Tag bei euch aus – an Land und auf See?
Morgens Frühstück an Deck. Dann Leinen los. Vielleicht ankern wir in einer versteckten Bucht, vielleicht zieht es uns in ein kleines Dorf. Nachmittags schwimmen, schnorcheln, lesen. Abends kochen wir oder gehen in eine Taverne. Jeder Tag beginnt mit einem Horizont und endet mit dem Geräusch der Wellen.

Was steht demnächst an?
Wir spielen mit dem Gedanken, im Winter eine kleine Bar in Stuttgart zu eröffnen – nicht als Rückkehr in die Gastro im klassischen Sinn, sondern als Ort der Begegnung. Ein Raum für Gespräche, für Ideen, für das Wiedersehen. Es geht uns darum, Verbindungen zu schaffen: zwischen Stuttgart und der Ägäis, zwischen Stadt und Meer, zwischen Menschen.
Wie oft seid ihr noch in Stuttgart?
Regelmäßig. Unsere Familien leben dort, unsere Freunde. Stuttgart bleibt ein Teil von uns. Aber heute fühlt es sich eher wie ein Heimathafen an, den man immer wieder gerne anläuft. Jede Rückkehr ist auch ein Wiedersehen mit einer früheren Version von uns selbst.
Habt ihr euch in Stuttgart verwirklicht – oder beginnt das echte Leben erst jetzt?
Das echte Leben ist kein Ort – es ist ein Zustand. Wir glauben, dass man sich überall verwirklichen kann, wenn man sich selbst zuhört. In Stuttgart konnten wir vieles aufbauen. Auf dem Wasser leben wir es anders weiter. Und vielleicht ist das der Unterschied zur schwäbischen Seele: Wir sehen zuerst das Licht – und glauben daran, dass der Schatten von allein weicht.
Was wünscht ihr euch für Stuttgart – obwohl ihr gerade woanders unterwegs seid?
Weniger Skepsis, mehr Neugier. Weniger „Das geht nicht“, mehr „Probieren wir’s doch mal“. Stuttgart hat alle Zutaten, um mutig zu sein – es braucht nur manchmal den Impuls, sich selbst zu überraschen.

Welche Werte nehmt ihr mit auf eure Reise?
Sich selbst treu zu bleiben – das ist unser Kompass. Ehrlichkeit, Zuhören, nicht vorschnell urteilen. Wenn man weiß, wer man ist, wird jeder Ort zur Heimat. Dann ist die Reise nicht die Flucht, sondern ein Zuhause in Bewegung.
Habt ihr ein Motto, das euch leitet?
Ein Satz aus dem Gedicht Invictus: „I am the master of my fate, I am the captain of my soul.“ Er erinnert uns daran, dass wir das Steuer unseres Lebens selbst in der Hand halten. Auch wenn der Wind dreht – wir setzen die Segel. Nicht, weil es leicht ist. Sondern weil es unsere Richtung ist.



