DER STAATSBESUCH VON QUEEN ELIZABETH IN STUTTGART IM MAI 1965
Der Besuch von Königin Elizabeth II. von Großbritannien bewegt bis heute die Gemüter. Um diesen Besuch haben sich zahlreiche Mythen entwickelt, die immer noch nachwirken. Zwei dieser Geschichten sollen im folgenden Beitrag auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden: Zum einen geht es um die berühmte Frage nach den „Pferden“, zum anderen um einen angeblich mit grüner Farbe besprühten Rasen am Fuß des Fernsehturms. Eine Geschichte ist falsch, die andere tatsächlich wahr. Fragt sich nur welche?
Die Queen kommt nach Stuttgart
Für ganze elf Tage führte im Mai 1965 ein Staatsbesuch die britische Queen in die Bundesrepublik Deutschland. Die Königin hatte ein wahres Mammutprogramm zu bewältigen, was sich schon an ihrer Reiseroute zeigte: Bonn, Koblenz, Wiesbaden, München, Stuttgart, Köln, Düsseldorf, Duisburg, Berlin, Hannover und Hamburg wurden besucht.
Das Besondere an diesem Besuch ist, dass die Queen zusammen mit ihrem Gatten Philipp mit dem Zug reiste. Von der Ankunft in Stuttgart gibt es zahlreiche Fotos im Stadtarchiv, die die Situation beim Eintreffen am Bahnhof zeigen. Der Bahnhofsvorplatz ist mit britischen und deutschen Flaggen geschmückt. Pünktlich um 10 Uhr morgens traf die Queen auf Gleis 1 ein. Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger und Oberbürgermeister Arnulf Klett bildeten die Spitze des Empfangskomitees. Ein Foto zeigt die große Menschenmenge im Inneren des Bahnhofs. Mit großer Neugier nahmen die Menschen an dem Empfang als Zaungäste teil.

Empfang vor dem Salonwagen; Stadtarchiv Stuttgart, FC152_0168_0003

Die Menschenmenge auf dem gegenüberliegenden Gleis, Stadtarchiv Stuttgart, FC152_0168_0008
Es folgte ein Empfang im Neuen Schloss und ein dicht gedrängtes Besuchsprogramm. Da keine Zeit blieb, die Königin im Rathaus zu begrüßen, erfolgte der städtische Empfang auf dem Fernsehturm – unter anderem auch, weil Elizabeth sich selbst gewünscht hatte, dieses weit über die Grenzen Stuttgarts hinaus bekannte Bauwerk zu besuchen. Der Fernsehturm galt fast zehn Jahre nach seiner Eröffnung 1956 als technisches Wunderwerk und hatte – wie man heute sagt – den Rang eines signature buildings. OB Klett ließ aber nicht nur die Spitzen der Stadtverwaltung auf den Fernsehturm bringen, sondern kurzerhand auch das Goldene Buch, das eigentlich in seinem Büro im Rathaus lag. Feierlich wurden Geschenke überreicht, dann der Eintrag in das Goldene Buch vollzogen.
Der Queen wird ein Teeservice überreicht, die Freude ist groß, Stadtarchiv Stuttgart FC152_0168_0027

Vor dem Auge der Filmkamera: Der Eintrag in das Goldene Buch, Stadtarchiv Stuttgart FC152_0168_0032
Danach bewegte sich der Tross per Auto zurück zum Schloss, wo festlich gegessen wurde. Um halb drei Uhr nachmittags war bereits wieder Aufbruch. Auf dem Weg nach Langenburg machte die Queen in Marbach am Neckar Halt, wo sie das Schiller-Nationalmuseum und das Geburtshaus Friedrich Schillers besuchte. Und dort soll sich die erste der beiden Anekdoten ereignet haben.
„Where are the horses?“
Mit einer bewundernswerten Hartnäckigkeit hält sich das Gerücht, dass die Queen die beiden „Marbachs“ – das am Neckar gelegene Marbach als Erinnerungsort an Friedrich Schiller mit Marbach an der Lauter und seinem berühmten Gestüt verwechselt haben soll. Die Geschichte gipfelt in der berühmten Frage der Queen „And where are the horses?“ – der so nie gefallen ist, seit 1965 aber immer wieder erzählt wird.
Bleiben wir bei den Tatsachen: Elizabeth II. wurde vom damaligen Direktor des Literaturarchivs, Bernhard Zeller, zwei Stunden lang durch das Schiller Nationalmuseum geführt, hat mit Geduld und königlichem Langmut zahlreiche Handschriften angesehen und bei der Verabschiedung angeblich ganz leise die Frage nach den Pferden gestellt. Zu schön, zu gut, um wahr zu sein. Mittlerweile haben zwei Publikationen nachgewiesen, dass das es sich hierbei zwar um eine gute, aber leider erfundene Geschichte handelt. Ulrich Raulf, Nach-Nachfolger Zellers im Amt des Direktors des Deutschen Literaturarchivs, schreibt: „Der Satz ist nicht gefallen, aber die Anekdote war trotzdem praktisch augenblicklich da. (…) Mit anderen Worten: Die Historie ist flach, aber sie ist wirksam. Wir alle werden sie nie mehr vergessen, wir werden sie noch oft erzählen. Anekdoten sind nicht tot zu kriegen, die Legende lebt.“
Grüner Rasen
Bleibt die zweite Geschichte: Wurde am Fuß des Fernsehturms wirklich der Rasen mit grüner Farbe bestrichen, um der Queen ein schöneres Bild rund um das Bauwerk zu vermitteln? Diese Geschichte, man glaubt es kaum, stimmt! Einige Zeitungsartikeln raunten über das Gerücht, das sich mit den Unterlagen aus den Beständen des Stadtarchivs belegen lässt. Oberbürgermeister Klett höchstpersönlich hatte sich an den Leiter des Gartenbauamtes, Werner Kaufmann, gewandt. Er dankte ihm und seinen „tüchtigen Mitarbeitern“ zunächst für den „außerordentlich geglückten gärtnerischen Schmuck, mit dem die verschiedenen Schauplätze beim Empfang der Königin Elisabeth (…) ihren festlichen Akzent bekommen haben“. Im Postskriptum des Schreibens hieß es dann: „Nachdem ich nun bereits aus dem Ausland Anfragen nach dem ‚mit grüner Farbe angestrichenen‘ Gras erhalte, möchte ich Sie doch bitten, mir in aller Offenheit zu sagen, wer auf diese ungärtnerisch anmutende spritzige Idee kam.“
Gartenamtsdirektor Kaufmann musste gestehen: Die Idee mit der grünen Farbe sei aus der Situation heraus entstanden, weil der eigens georderte Rollrasen nicht grün, sondern mehr nach einem „Bärenfell“ ausgesehen habe: „Dieser Rollrasen war 4 Tage zuvor mit einem Lastzug von Tauberbischofsheim angefahren worden. Er war bereits einige Zeit vorher geschnitten und daher ausgetrocknet gewesen. (…) In der Frühe des Montags zeigten sich nur an wenigen Stellen grüne Grasspitzen. Beim Auslegen der Bahnen war davon gesprochen worden, mit Farbe nachzuhelfen, wenn er nicht gefallen würde.“
Die vom Gartenbauamt mit der Durchführung der Arbeiten beauftragte landschaftsgärtnerische Firma habe daraufhin von einem Maler Farbe geholt. Es habe sich dabei „um gewöhnliches Farbpulver gehandelt, das mit Wasser angerührt und mit einer Rückenspritze zerstäubt wurde.“ Fast triumphierend schreibt der brave Gartenbaudirektor: „Nachdem der erste zaghafte Versuch gelang, wurde der gesamte Rollrasen und einige qm nackter Boden gleich mit behandelt. Insgesamt waren es ca. 400 qm.“
Ob die Queen bemerkt hat, dass bei der Begrünung des Fernsehturms nachgeholfen wurde?


