WOLFGANG MARMULLA

Der langjährige Leiter der Programmplanung im Theaterhaus Stuttgart, Wolfgang Marmulla, hat sich Ende Dezember 2025 nach Jahrzehnten in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet.

Mehr als 40 Jahre lang arbeitete er mit Stars und Sternchen, Künstlerinnen und Künstlern, Agenturen und Managern aus allen Bereichen der Kunst zusammen – von Kleinkunst bis Hochkultur. Er organisierte große Festivals, brachte unzählige Veranstaltungen auf die Bühne und begleitete das Theaterhaus praktisch seit seiner Gründung. Mit seinem Abschied ging deshalb nicht nur eine beeindruckende Karriere zu Ende, sondern auch eine ganze Ära.

Vor allem aber bringt Wolfgang Marmulla einen riesigen Schatz an Geschichten mit: In all den Jahren erlebte er Unglaubliches und Kurioses, Begegnungen, die zum Lachen bringen, und Momente, die berühren. Seine Erinnerungen erzählen vom echten, prallen Kulturleben – in Stuttgart, der Region und weit darüber hinaus. Mit seinem Wirken hat Marmulla die Entwicklung der Stuttgarter Kulturszene maßgeblich mitgeprägt und deutliche Spuren hinterlassen.

Nun nimmt er uns mit hinter die Kulissen von mehr als vier Jahrzehnten Theaterhaus-Geschichte – und erzählt von besonderen Begegnungen, unvergesslichen Momenten und so mancher unglaublichen Anekdote aus dem Kulturleben.
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Herr Marmulla, erinnern Sie sich noch an Ihren allerersten Tag im Theaterhaus Stuttgart – wie war das damals?

Mein erster Arbeitstag war eigentlich echt lässig. Ich spürte da schon, dass es hier nicht um emsiges Abarbeiten und beflissenes einhalten von Regeln ging, sondern um große Ideen, kühnen Griffen nach den Sternen – und ganz viel Abenteuer.

Was hat Sie ursprünglich ans Theaterhaus geführt, und was hat Sie dort über all die Jahre gehalten?

Geleitet hat mich mein stark ausgeprägtes Interesse an Jazz. Seit meinem 17. Lebensjahr war ich davon infiziert. Ebenso war ich von der Art begeistert wie im Theaterhaus Theater gemacht wurde. Mit Themen die mich betrafen,  und in einer Sprache, die auch die meine war. Ich war ja durchaus „Staatstheater-erfahren“, aber dieser Style ging direkt unter die Haut.

Wie hat sich die Kulturlandschaft in Stuttgart seit den 1980er-Jahren verändert – und welche Rolle spielte das Theaterhaus dabei?

Ich bin ja erst in den 90gern dazugestoßen, aber auch zu dieser Zeit war noch der  Siegeszug der Alternativkultur zugange, eine Kultur von „unten“. Viele Schauspieler:innen stiegen aus dem etablierten System aus, gründeten Freie Gruppen, wie z.B. Martin Lüttge den Priessenthal,  Otto Kukla und Cresenzia Dünßer das Zeltensemble Birach, man konnte fast schon fahrendes Volk dazu sagen. Auf der Unterhaltungsschiene brach das Komiker-Trio Die Kleine Tierschau alle Zuschauerrekorde, dahinter Formationen wie das Scherbentheater (später Shy Guys) oder Trio Blamage. Man kam kaum hinterher den Hunger des Publikums nach alternativen Kulturangeboten zu stillen. Der Markt wuchs und wuchs. Und das Theaterhaus konnte mit seiner dezidiert diversen Programmkonzeption so gut wie alles bedienen. Das Bedürfnis nach Entertainment ebenso wie das Interesse an einer neuen Sparte, die aus USA herüberschwappte: das sogenannte Tanztheater. Ismael Ivo fand hier seine Heimat mit seiner beeindruckenden Präsenz. 

Und wie ist es heute?

Heute haben wir einen immens ausdifferenzierten Markt. Ein Unglaublich vielfältiges Angebot, das den „Konsumenten“ jedoch überfordert. Er kann zwar aus dem vollen schöpfen, ist aber dem Überangebot ausgeliefert. Viele, vor allem ältere, wenden sich wieder ihren Idolen ihrer Jugend zu, immer mehr Künstler aus den 70ern und 80ern werden reaktiviert und feiern große Erfolge. Cover-Bands und Tribute Shows schießen wie die berühmten Pilze aus dem Boden. Für die Veranstalter gibt es unglaublich viel zu entdecken, so sie das Auge dafür haben. Dennoch ist es schwierig, z.B. als freier Musiker:inn Arbeit zu finden, genug Engagements zu bekommen, angesichts dieser unfassbaren Konkurrenz. 

Gab es damals einen Moment, an dem Ihnen klar wurde: „Hier entsteht etwas Besonderes“?

Da ich ja ein Quereinstiger bin, kann ich diese Frage nicht so wirklich beantworten. Ich denke, dieses Große entstand nicht, weil jemand gedacht hat er oder sie muss etwas großes erschaffen. Sondern vielmehr, weil es Menschen gab, die spürten, dass eine fundamentale Veränderung in der Luft lag. Und sie spürten, dass sie Teil dieses Wandels waren. Ihr Wille war es dann, dieser Veränderung eine kulturelle Form zu geben. So ist etwas Großes entstanden: Unser Theaterhaus.

Sie haben unzählige Künstlerinnen und Künstler erlebt. Gibt es Begegnungen, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind – im positiven wie im schwierigen Sinne?

Es gab in der Tat sehr, sehr viele interessante Begegnungen. An viele erinnert man sich gerne, an andere weniger. Aber das liegt wahrscheinlich in der Natur der Sache. Herausheben könnte man zwei Aufeinandertreffen mit Christoph Schlingensief. Eins war eine nahezu beglückend. Das andere hatte mich fast an den (damaligen) Rand meiner Möglichkeiten gebracht. 

Dann mal los, wir sind gespannt

Die erste Begegnung war nichts anderes als ein Happening. Initiiert hatte das damals Johannes Finke, ein junger Verleger und Kulturhipster. Er war damals in Kontakt mit Schlingensief, als der seine Aktion CHANCE 2000 ins Leben rief. Es war eine sehr spontane Geschichte, keiner wusste wie und ob das funktionieren wird. Man wusste um die Unberechenbarkeit von Schlingensief, aber es war zu reizvoll, ihn ins Theaterhaus zu holen. Innerhalb von einer Woche wurde das realisiert. Schlingensief wurde sogar kurzfristig vom SWR ins Studio eingeladen. Am Abend selbst waren fast 800 junge Menschen im Saal. Es gab Bier und man rauchte Zigaretten dazu, manche auch noch was anderes. Im Prinzip war es egal, was Christoph auf der Bühne machte, er redete und redete und redete. Dazwischen ließ er ein paar alte Schlager aus den 1920 Jahren abspielen, und alle freuten sich, dass sie dabei sein durften. Am Ende war Schlingensief plötzlich verschwunden. Er wollte in die Innenstadt, hatte sich aber verlaufen und geriet in Panik. Aber man konnte ihm helfen.

Und das zweite Aufeinandertreffen?

Die zweite Zusammenarbeit war etwas belasteter. Das Projekt hieß Deutschlandsuche – Eine Wagnertour. Eigentlich ein fertiges Bühnenprogramm. Ich wollte das machen, aber es gab keine Möglichkeit es im Theaterhaus zu veranstalten. Ich erinnerte mich an das seltsame Ambiente, diesen muffigen Charme im Saal des Deutschen Gewerkschaftsbundes im Haus der Gewerkschaften in der Willi-Bleicher-Straße und dachte: das ist der richtige Ort dafür.

Die Tickets verkauften sich allerdings mäßig. Anscheinend war die Masse nicht so daran interessiert wie ich dachte. Dann kam plötzlich dazu, dass die Produktion, also Schlingensief und sein Ensemble, schon am späten Vormittag auf der Königstrasse performen wollte. Wir mussten erstmal herauszufinden, welche Genehmigung man dafür brauchte. Das wusste genaugenommen damals niemand so richtig, auch nicht auf dem Ordnungsamt. Man einigte sich auf eine bestimmte Stelle auf dem Schlossplatz, die jedoch nicht verlassen werden durfte. Soweit so gut. Doch dann ging es los: Am Tag selbst um 10.00 Uhr morgens der Anruf aus dem Hotel. Ein völlig verzweifelter, weil überforderter junger Mann an der Hotelrezeption bat mich um Hilfe. Ein Herr Schlingensief stünde neben ihm und würde ihn bedrohen. Ich hörte im Hintergrund lauten Wortwechsel. Es ging offensichtlich darum, dass die Zimmer nicht groß genug wären. Ich ließ mir den Tourbegleiter geben und machte ihm klar, dass es so nicht gehen würde. Drohte ihm mit Absage der Veranstaltung. Es wurde plötzlich sehr kommod. 

Aber so behaglich blieb es wahrscheinlich nicht?

Nein, natürlich nicht. Wir haben uns auf dem Schlossplatz getroffen. Es wurde ein sehr großes Armeezelt aufgebaut. Erste Sorgen und Zweifel wuchsen in mir. Dann wurde die Lautsprecheranlage eingerichtet. Auf ein – zumindest mit mir nicht – abgesprochenes Kommando setzte Musik ein. Wagner! Unfassbar laut! Danach Schlingensief mit Megaphon. Eine Kanonade von Statements, Parolen. Unglaublich viel Content ohne Unterbrechung, mit perfekter Grammatik und Rhetorik, aber nicht enden wollend. Die ersten Passanten beschwerten sich. Dazu kamen die Einzelhändler, die ihre Umsatze schwinden sahen, da die Leute nur noch schauten, dass sie schnell vorbeilaufen konnten und verschont wurden. 

Der Ton wurde zusehends aggressiver, zu den bisher zwei (abgesprochenen) polizeilichen Dienstfahrzeugen gesellte sich ein dritter. Ich bat Christoph, die Lautstärke etwas herunterzudrehen. „Aber klar, mache ich gleich“, erwiderte er. Kurz darauf wurde es noch lauter. Dann rief er ins Megaphon: „Wir werden jetzt den Ort verlassen und zum Schillerdenkmal ziehen“. Schiller sollte dort mit Wagner beschallt werden. Ich sagte, das geht nicht, wir haben keine Genehmigung dafür. Aber das blieb ungehört. Im Gegenteil. Das motiviert die Künstler noch mehr und der Meister und sein Ensemble (um die 10 Personen) zogen, prozessionsartig, zum Schillerplatz.

Und die Polizei hat mitgespielt?

Nein, natürlich nicht. Mittlerweile waren es fünf Einsatzwagen der Polizei. Ich kapitulierte und gab meinen Widerstad auf. Ich rief unserem Verwaltungsleiter an und informierte mich, inwieweit ich dafür in Haftung genommen werden kann. Die Antwort war weder eindeutig noch beruhigend für mich. Dann setzten sich die mittlerweile 10 Polizisten in Bewegung Richtung Schillerdenkmal. Es wurde kritisch. Die Künstler ließen sich in keinster Weise beeindrucken, machten einfach weiter. Dann griff die Polizei zum Megaphon und forderte die Zuschauermenge, die sich inzwischen angesammelt hatte, auf, den Ort zu verlassen. Die meisten gingen. Christoph Schlingensief wurde gedrängt seine Aktivitäten sofort einzustellen. Er spielte natürlich den Empörten. Aber klar, das war kalkuliert und er war mit dem Ergebnis zufrieden. Also Abzug. Zurück ins Hotel. 

Am Abend dann die Vorstellung im DGB Saal. Ich weiß bis heute noch nicht, ob das gekonntes war oder einfach pure Provokation. Möglicherweise beides. Ein Teil des Publikums feierte die Aktion, ein anderer konnte es nicht fassen, was sich auf der Bühne abspielte. Ein Gast stand auf und schrie, ob wir denn alle verrückt wären? Eine Darstellerin zog ihn auf die Bühne und animierte ihn, in ihre Kopulationsbewegung miteinzusteigen. 

Und wie ging es aus?

Am Ende große Ratlosigkeit – auch meinerseits. Der Herr Schlingensief und seine Gefolgschaft verschwanden unmittelbar danach, ohne sich zu verabschieden. Es brauchte etliche Flaschen Bier bis die Techniker und ich wieder halbwegs in Balance waren.

Der SWR begleitete diesen Abend und machte auch ein Interview mit Schlingensief: Darin verwies er immer wieder, dass dies eine Veranstaltung vom Theater in der Badewanne wäre, also nicht vom Theaterhaus. Vielleicht hat mir das den Kopf gerettet.

Was war für Sie der spannendste oder überraschendste Auftritt, den Sie je im Theaterhaus erlebt haben?

Das vorherige konnte nichts mehr toppen, so wie das aus dem Ruder gelaufen ist.

Wie schafft man es, über Jahrzehnte den richtigen Mix aus Kleinkunst, Musik, Theater, Tanz und Politik zu finden?

Zum einen: Neugier. Neugier an allem, was einem vor die Ohren bzw. vor die Augen kommt. Und zum anderen Spürsinn, welches Potenzial oder auch Marktwert dahinter steckt

Gab es Künstler*innen, deren Karriere Sie von Anfang an begleitet haben?

Im Musikbereich sicherlich die fantastische Rebekka Bakken. Im Comedybereich z.b. Eure Mütter. Oczan Cosar  (sein erster Theaterauftritt war in der kleinen Halle des Theaterhauses). Oder auch Carolin Kebekus, die, als ich sie in einer mixed show sah, nur 10 Minuten Programm hatte. Aber da war schon zu sehen, welches Potenzial in ihr steckt.

Und dann natürlich Josef Hader. Ich sah ihn in Berlin und wollte ihn unbedingt im Theaterhaus veranstalten. Um ein Haar wäre das in die Hose gegangen. Wir hatten drei Vorstellungen in der kleinsten Halle angesetzt. Eine Woche vorher waren gerade mal vier Tickets verkauft. Die Geschäftsleitung wollte unbedingt absagen. Ich bat darum es nicht zu tun, bot auch an, im Zweifelsfall für den finanziellen Schaden privat aufzukommen.

Dann eine Telefonaktion mit dem Staatstheater. Die spielten dort gerade Indien, geschrieben von Josef Hader und Alfred Dorfer. Am ersten Abend hatten wir keine zahlenden Gäste. Aber 80 Leute eingeladen, über das Stuttgarter Staatstheater. Damit war das Eis gebrochen. Am zweiten Tag waren 80 Zahlende Gäste da, und am dritten Tag musste man schon kriminell bestuhlen, um dem Ansturm gerecht zu werden.

Danach ging es für Josef Hader steil nach oben. Der Rest ist Geschichte, wie man so schön sagt und Josef steht am 7. November wieder bei uns auf der Bühne. Jetzt allerdings zum wiederholten Mal mit seinem aktuellen Programm Hader on Ice in der ausverkauften T1. 

Wie verändert sich die Arbeit eines Programmleiters in Zeiten von Social Media, Streaming und Eventüberflutung?

Früher konnte man sich einen Überblick über mehrere Sparten verschaffen. Sei es Jazz, Theater oder auch Tanz. Sogar Pop und Klassik. Es war irgendwie überschaubar. Mittlerweile ist der Markt explodiert, oder atomisiert. Jedes Genre hat zig Untergenres. Keiner kann das überblicken. Es spezialisiert sich alles und differenziert sich weiter aus. Social Media ist da tatsächlich eine Hilfe. 

Ein Beispiel: Im Lauf der Zeit schneidert der Algorithmus – oder was auch immer – die Angebote auf deine Ausrichtung, deine Interessen und Vorlieben mehr oder weniger zu. Videos sind schnell produziert und hochgeladen. So kann man sich schnell einen Eindruck verschaffen. Das ist sowas wie eine kleine Navigationshilfe, um der Flut von Möglichkeiten zu begegnen. Aber immer gilt: Man sollte als Veranstalter und Theaterbetreiber immer schauen, dass der Gast sich willkommen fühlt. Das ist das A und O, nach der Kunst. Und manchmal auch noch vor der Kunst.

Was macht für Sie „gute Kulturarbeit“ aus?

Das müssen andere entscheiden. Es gibt keine GUTE oder SCHLECHTE Kulturarbeit. Es gibt nur unterschiedliche Vorstellungen von Kulturarbeit. Die einen denken, sie müssen eine ganz bestimmte Form von Kunst/Kultur den Menschen nahebringen, ausgestattet  mit einem mit einer Art Missionsauftrag. Andere wiederum sehen sich selbst als Kultur-Kommunikatoren, als Vermittler, die die verschiedenen Ansprüche und Bedürfnisse hinsichtlich kultureller Angebote in ihrem Programm abbilden möchten.

Gab es auch Katastrophen hinter den Kulissen, die das Publikum nie mitbekommen hat?

Nein, zum Glück keine Katastrophen. Ich erinnere mich aber an jenen Abend, im alten Theaterhaus in Wangen, als die Abwasserleitung der Damentoiletten defekt war. Ausgerechnet. Alle Hallen waren ausverkauft. Irgendwer kam atemlos ins Büro gerannt und rief etwas wie „…überall Scheisse….“! Ich bin ihm hinterher. Und tatsächlich unterhalb der großen Halle schoss Abwasser aus einem Rohr an der Decke. 

Es wurden alle Behälter die irgendwie zu finden waren herangeschleppt, und gefüllt. Ich stand an der Leiter, das Rohr, das an der Decke entlanglief direkt vor meinem Gesicht. Der Gestank war fürchterlich. Hin und wieder musste man mit der Hand nachhelfen, gewisse nichtflüssige Materialien zu entfernen. Die vollen Kübel wurden dann auf der Straße in den Gulli geleert. Ich weiß nicht, wie viele Kübel es gebraucht hat. Aber es waren gefühlt hunderte. Erst nachdem  die Gäste das Haus verlassen hatten, kehrte Ruhe in. Der Notdienst kam am nächsten Morgen und reparierte das Rohr. Aber spätestens da war klar: man sollte dringend eine neue Bleibe suchen.

Nach so vielen Jahren Kulturarbeit: Wie fühlt sich der Gedanke an den Ruhestand an?

Also ein klassischer Ruhestand ist es keiner. Aber eine bewusste Entscheidung. Ich werde als Satellit weiter für das Theaterhaus arbeiten, einzelne Projekte betreuen, wie z.B. die Jazztage. Der Grund für mein Ausscheiden ist ein privater. Ich bin spät Vater geworden und möchte mit der Familie mehr Zeit verbringen.

Was werden Sie am meisten vermissen – und worauf freuen Sie sich am meisten?

Vermissen werde ich die Kolleginnen und Kollegen. Und den Geruch des Hauses, den könnte ich jederzeit identifizieren. Wäre vielleicht eine gute Idee für Wetten Dass gewesen. Aber insgesamt bin ich freudig gespannt, was die Veränderung mit sich bringt, darauf, welche Energien und Ideen freigesetzt werden

Wenn Sie auf Ihre Zeit zurückblicken: Gibt es etwas, das Sie heute anders machen würden?

Ich glaube nicht. Ich habe getan, was in meinen Möglichkeiten stand und aus Überzeugung gehandelt. Das war oft ausreichend, manchmal leider nicht. Aber wie sagt man so schön: Hinterher ist man vielleicht schlauer.

Welche Spuren möchten Sie hinterlassen haben?

Die Gewissheit, vielen hunderttausend Menschen im Lauf der letzten Jahrzehnte im Theaterhaus eine gute Zeit bereitet zu haben, mit der sie den Untiefen des oft nicht immer leichten Alltags mal für einige Stunden entfliehen konnten.

Gibt es jemanden, den Sie unbedingt noch einmal auf die Theaterhaus-Bühne bringen möchten – theoretisch, wenn alles möglich wäre?

Es gibt so viele interessante Künstlerinnen und Künstler, da weiß ich nicht wo anfangen. (Grübelt). Gewünscht hatte ich mir vor Jahren einen Abend mit Elvis Costello. Und der kam tatsächlich, als Vermietung. Wir wechselten Backstage ein paar Höflichkeiten und Floskeln, danach verschwand er wieder in der Garderobe. Keine erhebenden Gefühle, aber das Konzert war famos. 

Ebenfalls gewünscht, aber nicht eingetreten: ein Abend mit Björk.

Ich vergesse nie den 11. September 2001. Nicht nur wegen 9/11, sondern weil just am Abend dieses Tages Björk mit Orchester im Beethovensaal auftrat. Es wurde entschieden, dass das Konzert nicht abgesagt wird. Sie war großartig, trat nur für einen Moment zur Seite und teilte ihre Trauer anlässlich dieser Tragödie mit, und machte dann wieder weiter mit ihrem Programm. SO und nicht anders galt es darauf zu reagieren. 

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Stellen Sie sich vor, Ihr Lebenswerk bekäme einen Titel – wie würde das Stück heißen?

Artisten in der Zirkuskuppel: Ratlos, aber motiviert.

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