HERBSTZEIT, BESENZEIT

Buntes Laub, frische Luft und neuer Wein: Stuttgarts Weinberge eignen sich im Herbst ideal für ausgiebige Spaziergänge und wecken Vorfreude auf die spätere Einkehr. Mit Kehrwoche hat das recht wenig zu tun, auch wenn die Zeit der „Besen“ nun beginnt.

Durchgefroren drängt man sich nach einem kalten Herbstspaziergang in die warme Stube, den sogenannten Besen. Früher hängte man symbolisch einen Reisigbesen über die Tür, um Besuchern zu signalisieren, wann ausgeschenkt wurde. Die Wände voller Maiskolben und Weinblätter, überall Kürbisse, Hopfen und Gras: Das macht die beliebten Besenwirtschaften aus, in denen man bei Hausmannskost und einem guten Glas Wein die Ereignisse des Tages Revue passieren lassen kann. Bunt gemischt sitzen Menschen dabei an einem Tisch zusammen. Egal, ob Familie, Geschäftsmann, Student oder Fußballprofi – hier trifft sich alles und jeder. Auch wer alleine kommt, wird schnell seinen Platz an der großen Tafel finden. Das Beisammensein stellt einen Teil der Besentradition dar. Nicht nur das Trollinger-Viertele oder ein „Veschper“ mit Wurst oder Leberkäse lädt Gäste ein: Das persönliche Flair steht bei den Besen an erster Stelle. Der Mix aus Atmosphäre, Nähe zum Winzer und regionalen Produkten findet generationsübergreifend Liebhaber.

Damals und Heute

Die Besentradition soll auf einen Erlass von Kaiser Karl dem Großen zurückgehen: Der Herrscher erlaubte es den Winzern, ihren eigenen Wein auszuschenken und dazu einfache Speisen zu reichen. Um ihre Fässer vor der Weinlese zu leeren, luden die Weingärtner Gäste in ihre Privaträume oder eine ausgeräumte Scheune ein. Um keine Konkurrenz für die bestehenden Wirtshäuser zu sein, durften die Besenwirtschaften nur zeitlich begrenzt betrieben werden. Das ist bis heute so: Ein Besen darf höchstens vier Monate, verteilt auf zwei Mal im Jahr, geöffnet haben. Eine Wirtschaft auf Zeit. Offiziell darf eine Besenwirtschaft nur vierzig Sitzplätze haben.

Einfach und lecker

Besonders beliebt sind der neu ausgeschenkte Wein sowie der Apfelwein. Auch für das Wohl der jüngeren Gäste muss gesorgt sein: So ist mindestens ein alkoholfreies Getränk Pflicht. An Gerichten dürfen nur kalte oder einfache, warme Speisen serviert werden. Darunter verstehen sich Gerichte, deren Zubereitung wenig Zeit und Mühe und keines Fünf-Sterne-Kochs bedarf. Zum Beispiel heiße Würstchen, Sauerkraut und Zwiebelkuchen – ganz in schwäbischer Manier.

Wo der „Besa“ hängt

In keiner anderen deutschen Großstadt ist der Weinbau so präsent wie in Stuttgart. Mitten im Herzen der Stadt, bereits wenige Meter vom Hauptbahnhof entfernt, gedeihen Rebstöcke auf den sonnigen Hügeln. Vom „Weinberghäusle“ aus hat man einen wunderschönen Blick auf die Stuttgarter Innenstadt.

Trotz der allgegenwärtigen Weinberge sind Besenwirtschaften nicht immer auf Anhieb zu finden. Sie sind eben immer noch kleine Geheimtipps. Für alle Weinliebhaber gibt es dafür einige Hilfsmittel, die zeigen, wo der „Besa“ hängt:

Vor Ort erkennt man die Besenwirtschaften am aufgestellten Besen, Kranz oder Zweig. Wichtigstes Medium, um Besentermine vorab bekannt zu machen, ist der Besenkalender – abrufbar übers Internet. So findet jeder den Weg zum Besen, um seinen Abend gemütlich ausklingen zu lassen. In Stuttgart ist zusätzlich die Besen-App kostenlos für Android und IOs Bildern, Öffnungszeiten und Adressen verfügbar. Auch auf Facebook findet man Tipps rund um Besentermine und Besenstuben.


UNSERE GEHEIMTIPPS


Auf ein Glas neuen Wein trefft ihr die GTS-Redaktion am besten „zum Dreimädelhaus“ oder dem „Trollingerbesen“ am Fuße der Weinberge in Stuttgart Uhlbach. Auch im „Sonnen-Besen“ des Weingut Zaiß in Obertürkheim lässt es sich beim gemütlichen Viertele schöne Stunden genießen. Zum Wohl!