STAY REAL OR STAY AT HOME!

Wie würde man Stuttgart aus modischer Sicht bezeichnen? Gibt es Trendbewegungen, die für unsere Stadt charakteristisch sind? Nach einer vollen Arbeitswoche und etlichen Konversationen in der Modebranche rattern diese Fragen in meinem Kopf. Und klar gibt es sie, die Trendbewegungen, von denen jede Stadt Deutschlands infiziert ist… doch Stuttgart ganz besonders, ich nenne es oft Kleinberlin, warum…?

Ich würde behaupten, dass man im jugendlichen Alter seine ersten intensiven Erfahrungen mit dem facettenreichen Spektrum der Modewelt macht. Das Jugendalter stellt eine eigene, selbstständige Phase dar, weil die Jugendlichen nicht mehr zu den Kindern zählen, jedoch auch noch nicht als Erwachsene bezeichnet werden können. Hier beginnt der Reifungsprozess und dieser gestaltet sich mittlerweile anders als noch vor 20 Jahren. Die Subkulturen lieferten für die damaligen Jugendlichen die perfekte Anlaufstelle, um sich von den Erwachsenen abzugrenzen und ein gemeinschaftlich definiertes „Wir“ zu bilden. Die eigene Identität wurde durch das gemeinsame „Wir“ geschaffen. Sie hörten dieselbe Musik und kamen oft aus demselben sozialen Milieu. Ob Punk, Rockabilly, Skater, Hip Hop oder Techno – den Style konnte man an den jeweiligen äußeren Eigenschaften schon von weitem Erkennen. Geprägt waren die einzelnen Szenen durch besondere Key-Items: Ich erinnere mich an die Dreadlocks meines Bruders und die „Korn“-Shirts, die mir Angst machten. Angehimmelt hat man die Skater mit Ihren unter dem Po hängenden Denims und Ihren übergroßen „Carhartt“-Pullovern. Doch am meisten muss ich lachen, wenn ich heute Plateauabsätze trage, die ich damals nicht im geringsten cool oder hip fand, wenn ich diese Technokids ansah, die gerade von einem Rave kamen. Die richtige Klamotte, der richtige Haarschnitt und die richtige Marke haben den Ton angegeben. Es galt als modisch, wenn man dazu gehörte. Wenn wir uns heute unsere Stadt anschauen, sind diese Subkulturen zwar nicht ausgestorben, aber sie sind mittlerweile nicht mehr richtungsweisend. Das „Wir“ steht im modischen Findungsprozess nicht mehr im Mittelpunkt. Anstelle dessen steht das ICH. Die Individualität ist die Messlatte. Nur das individuellste Bild auf Instagram ist das mit den meisten Likes. Die Suche nach der „Einzigartigkeit“ gestaltet sich in unserem fortgeschrittenen, technologischen Zeitalter als das Durcheinanderbringen der gehabten Modeordnung. Alle schon da gewesenen Charakteristiken, die eine Zeitepoche und einen bestimmten Stil darstellten, werden freigelegt und können dazu beitragen, den eigenen individuellen Style zu finden. Man pickt sich einfach das aus, was einem am besten gefällt und was am besten passt und bringt es so authentisch wie möglich rüber.

Die Individualitätsschiene ist aber nicht nur im Jugendalter zu beobachten, auch erwachsene, modeaffine Menschen agieren nach demselben Schema. Die modische Trennlinie zwischen Jugend und Alter ist nicht mehr so scharf, wie sie einmal war. Die benötigte Abgrenzung durch die Erscheinung ist hinfällig geworden, da man das Gefühl vermittelt bekommt, dass Generation Y für Nichts mehr rebellieren muss. Alles was zählt, ist der Individualismus.

Vor allem in der „Hipsterszenewelt“ Stuttgarts ist diese Message klar und deutlich angekommen. Charakteristisch für die „Hipster“ soll die Abkopplung vom Mainstream sein. Sie möchten sich durch ihren Intellekt, ihre Aufgeklärtheit und ihren „einzigartigen“ Modestil vom schwimmenden Strom abgrenzen. Dabei wird allerdings außer Acht gelassen, dass es sich bei dieser Bewegung ebenfalls um eine Subkultur handelt, in der sich Gleichgesinnte vereinen und den eigentlichen Anspruch der Individualität zu Nichte machen. Handlungsraum hierfür bietet vor allem das „Fluxus“ in der Calwerpassage. Dabei handelt es sich um eine temporäre Einkaufsmall, die zum Chillen und Einkaufen auf anderem Niveau einlädt. Viele, die sich dort aufhalten, entsprechen genau diesem Schema, was definitiv nicht negativ ausgelegt werden sollte. Auch diese Subkultur bringt die Zeit mit sich.

Auf die Frage zurückzukommen, warum ich Stuttgart in der Außenwelt oft Kleinberlin nenne: ich denke, der Individualitätsgedanke gepaart mit dem ausgeprägten Gespür für neue Trends ist hier definitiv angekommen.

Rückblickend betrachtet, würde ich sagen, wir können die ganze Entwicklung positiv sehen. Es gibt keine starren Strukturen mehr. Jeder Einzelne kann sich in seiner modischen Entfaltung so frei fühlen, wie nie zu vor. Es ist alles erlaubt und auch die „Hipsterszene“ trägt ihren Beitrag dazu bei, sowie jeder Einzelne von uns auf Stuttgarts Straßen.

So meine Lieben, stay real J

Eure Dafina
(mit hervorragender Unterstützung von Soziologin Fit)

Diese Diashow benötigt JavaScript.