DAS HALTE ICH NICHT AUS!

Urlaubszeit ist Reisezeit. Und auf dem Weg in den Urlaub muss man allerhand Frust ertragen. Endloser Stau auf der Autobahn, beim Check-in in der Schlange stehen, die Enge der Sitzreihen in den Flugzeugen, schmuddelige Hotels und schlechtes Essen am Buffet, überfüllte Strände und sengende Hitze im Urlaubsziel, schmutziges Wasser und überteuerter Service… Die Liste ließe sich endlos weiterführen.

Ein hohes Maß an Frustrationstoleranz ist nötig, um den Urlaub trotz der Strapazen genießen zu können. Menschen mit geringer Frustrationstoleranz meckern und nörgeln viel, gehen vor Wut leicht an die Decke und nerven ihr Umfeld mit ihrer Meckerei.

Was kann man tun, wenn man selbst von einer niedrigen Frustrationstoleranz betroffen ist?

Die gute Nachricht zuerst: Eine hohe Frustrationstoleranz kann man erlernen. Sie ist uns nicht angeboren. Manche Kinder haben Glück und erlernen von ihren Eltern und anderen Bezugspersonen schon früh im Leben, wie man mit Schwierigkeiten und Enttäuschungen umzugehen hat und welche Verhaltensweisen und Einstellungen erfolgversprechend sind. So lernen manche von uns schon früh, Rückschläge, Hindernisse und Frustrationen zu ertragen und sie als Bestandteil des Lebens anzunehmen und auf die Belohnungen bzw. die Erfolge zu warten und im schlimmsten Fall, ganz darauf verzichten zu können, ohne dabei wütend oder depressiv zu werden. Diese Menschen haben also eine hohe Toleranz (lat. tolerare = ertragen) gegenüber Enttäuschungen und Frustrationen.

Ein großer Teil der Menschen gerät aber schnell aus der Fassung, wenn etwas nicht so läuft, wie sie es sich gewünscht haben. Sie schieben unangenehme Aufgaben so lange wie möglich vor sich her oder werfen die Flinte aus Frust ins Korn, wenn etwas nicht gleich auf Anhieb klappt. Nicht nur im Urlaub hat das weitreichende Konsequenzen: Menschen mit geringer Frustrationstoleranz haben nicht gelernt, Misserfolge, Niederlagen, schwierige Menschen und unangenehme Umstände auszuhalten und wegzustecken. Sie lassen sich von Niederlagen, Problemen, Enttäuschungen und Misserfolgen lähmen und blockieren. Ihr Durchhaltevermögen ist gering. Sie sind rasch entmutigt, resignieren und reagieren jähzornig, wütend und aggressiv.

Anstatt das Beste aus dem Urlaub zu machen, reagieren Menschen mit geringer Frustrationstoleranz unangemessen heftig: sie suchen Konflikte mit ihrer Umwelt und lassen sich häufig sogar zu körperlicher Gewalt hinreißen. Sie regen sich über kleinste Verfehlungen oder Mängel auf – auch wenn diese nicht wirklich ins Gewicht fallen – sie jammern und beschweren sich. Sie glauben, dass alles so sein und laufen muss, wie sie es sich vorstellen bzw. wenigstens so, wie es im Urlaubskatalog versprochen wurde. Um sich zu trösten bzw. zu beruhigen, essen oder trinken sie aus Frust oder betäuben sich mit anderen Suchtmitteln, weil sie glauben, nur so den Frust des Lebens bzw. des Urlaubs ertragen zu können. Menschen, die davon betroffen sind, denken häufig:

  • alles muss so laufen, wie ich es will, sonst kann ich das nicht aushalten bzw. ertragen
  • das Hotelpersonal, die anderen Gäste, meine Mitreisenden (…) schulden mir Zufriedenheit und Glück, sie sollen mich gefälligst ordentlich behandeln und mir Respekt entgegenbringen, sie dürfen nichts tun, was mich frustrieren könnte
  • Frustrationen, auch wenn sie sehr kurzfristig sind, kann ich auf keinen Fall ertragen und daher muss ich sie auch auf jeden Fall vermeiden
  • das Leben muss gerecht sein, alle müssen sich an ihre Versprechungen halten, Unfairness kann ich nicht aushalten.

Welche Einstellung wäre für einen tollen Urlaub hilfreicher?

  • Ich wünsche mir, dass alles reibungslos und nach meinen Vorstellungen abläuft, sollte das nicht der Fall sein, dann kann ich es ertragen, weil ich nicht daran zugrunde gehen werde.
  • Ich mag es zwar nicht, wenn andere Menschen sich nicht nach meinen Vorstellungen verhalten, aber sollten sie es dennoch tun, muss ich das wohl oder übel ertragen, wenn ich nicht jedes Mal selbst eine schlechte Laune bekommen möchte.
  • Ich wünsche mir, dass die Versprechungen im Reisekatalog eingehalten bzw. sogar überboten werden. Sollte dies aber nicht der Fall sein, überlege ich mir, welche Schritte hilfreich sind, um meine Lage zu verbessern. Sollte ich keine Verbesserungsmöglichkeiten sehen, muss ich die Situation leider tolerieren, wenn ich nicht den ganzen Urlaub wütend sein möchte.

Wie könnt ihr bei euch selbst Hinweise auf eine geringe Frustrationstoleranz erkennen?

Achtet auf eure Gedanken! Wenn ihr euch selbst sagen oder denken hört:

  • „Ich kann auf keinen Fall…, sonst wäre das schrecklich!“
  • „Ich muss unbedingt… bekommen, haben, tun, …sonst könnte ich das nicht ertragen!“
  • „Die anderen müssen/sollten… tun, sonst wäre das eine Katastrophe!“
  • „Es darf so nicht sein!“
  • „Es ist so ungerecht, dass…“

Im Urlaub möchte man sich ja erholen, um vom stressigen Leben eine Pause zu bekommen. Achtet aber darauf, euch zu Beginn keine unrealistischen Erwartungen zu machen und von einer perfekten Komfortzone auszugehen. Stellt euch besser auf einige Schwierigkeiten und unangenehme Situationen ein und trainiert den Umgang dieser nachteiligen Lebensumstände, anstatt sie zu vermeiden oder bei den kleinsten Anzeichen zu explodieren. Macht euch klar, in welches Land ihr reist. Fliegt ihr beispielsweise nach Bolivien, um euch dort die Pyramiden der Inkakultur und den Titikakasee anzusehen, müsst ihr nicht nur mit einer strapaziösen Anreise rechnen, sondern euch auf 4000m Meereshöhe, chaotischen Verkehr und schmuddelige Hotels einstellen. Habt ihr einen Cluburlaub gebucht, solltet ihr die Schlacht am Buffet, lärmende Kinder und vorreservierte Liegestühle am Pool einkalkulieren.

Dies gelingt euch dadurch, dass ihr euch fragt: „Wie müsste ich denken, um in solchen Situationen ruhig und gelassen bleiben zu können?“ oder „Was denkt jemand, der solche Situationen klaglos ertragen kann?“

Achtet auch auf euer Vokabular und ersetzt Worte wie „entsetzlich“, „furchtbar“, „schlimm“, „unerträglich“ oder „schrecklich“ durch „bedauerlich“, „unangenehm“, „enttäuschend“ oder „sehr schade“.

Vielleicht könnt ihr euch durch diese kleinen Tipps euren Urlaub (und auch den Rest des Lebens) selbst schöner gestalten.

Das wünscht euch jedenfalls: Dr. Daniel Holzinger


MEHR INFOS:
www.dr-holzinger.com